Justus Liebig und seine Verwandtschaft in Niedernhausen
Wenn du heute durch Niedernhausen im Fischbachtal gehst, kannst du dir kaum vorstellen, dass die Geschichte eines der bedeutendsten Chemiker des 19. Jahrhunderts auch hier ihre Wurzeln hat. Der Name Liebig gehört zu den alten Familiennamen der Region. Über mehrere Generationen lässt sich die Familie zurückverfolgen – bis hin zu Justus Liebig, der später als Wissenschaftler weltberühmt werden sollte.
Doch bevor Justus Liebig Professor, Forscher und einer der Wegbereiter der modernen Chemie wurde, lebten seine Vorfahren als ganz gewöhnliche Menschen im Odenwald. Ihre Geschichte führt dich mitten hinein in das dörfliche Leben des 17. und 18. Jahrhunderts.
Die Familie Liebig in Niedernhausen
Als erster Vertreter der Familie Liebig, der sich in Niedernhausen niederließ, gilt Hans Heinrich Liebig. Er wurde am 11. Februar 1641 in Reinheim geboren. Durch seine Heirat mit der Tochter eines Schultheißen aus Niedernhausen kam er in den Ort und begründete damit die Verbindung der Familie mit Niedernhausen.
Hans Heinrich Liebig übernahm selbst das Amt des Schultheißen und übte diese Aufgabe viele Jahre aus. Am 10. November 1727 starb er in Niedernhausen.
Für dich ist dabei besonders interessant: Hans Heinrich Liebig war der Ururgroßvater von Justus Liebig. Damit reicht die Familiengeschichte des später berühmten Chemikers unmittelbar in die Geschichte Niedernhausens zurück.
Einer seiner Söhne war Johann Sebastian Liebig, geboren am 17. März 1719. Er lebte ebenfalls in Niedernhausen und wird als Gemeinsmann und Hofmann bezeichnet. Mit seiner Frau Margaretha hatte er insgesamt neun Kinder. Johann Sebastian Liebig starb am 19. November 1794 in Groß-Bieberau.
Er war der Urgroßvater von Justus Liebig.
Vom Odenwald nach Darmstadt
Eines der neun Kinder von Johann Sebastian Liebig war Johann Ludwig Liebig, der am 28. April 1747 geboren wurde. Er erlernte das Handwerk des Schuhmachers und wurde Schuhmachermeister in Groß-Bieberau.
Gemeinsam mit seiner Frau Maria Katharina Abel hatte Johann Ludwig Liebig elf Kinder. Er starb am 23. Oktober 1818 in Darmstadt.
Johann Ludwig war der Großvater von Justus Liebig.
Unter seinen elf Kindern befand sich Johann Georg Liebig, geboren am 10. April 1775. Er zog nach Darmstadt, wo er als Handelsmann und Drogist tätig war. Seine Frau war Maria Caroline Fuchs.
Aus dieser Ehe ging unter anderem jener Sohn hervor, der später als Justus Liebig in die Geschichte eingehen sollte.
Damit lässt sich eine bemerkenswerte Verbindung herstellen: Von den Höfen und Häusern Niedernhausens führte der Weg der Familie über Groß-Bieberau nach Darmstadt – und von dort in die Welt der Wissenschaft.
Justus Liebig – vom Jungen aus Darmstadt zum berühmten Chemiker
Justus Liebig wurde am 12. Mai 1803 in Darmstadt geboren. Sein Vater Johann Georg war Drogist und handelte unter anderem mit Farben. Schon als Kind kam Justus dadurch mit verschiedenen Stoffen, Farben und chemischen Substanzen in Berührung.
Man kann sich gut vorstellen, wie sehr ihn die Werkstatt seines Vaters fasziniert haben muss. Was für andere vielleicht einfach Arbeitsmaterialien waren, wurde für den jungen Justus zum Ausgangspunkt einer lebenslangen Leidenschaft: der Chemie.
Zunächst besuchte er das Ludwig-Georgs-Gymnasium in Darmstadt. Allerdings verließ er die Schule bereits in der Sekunda. Überliefert ist eine wenig schmeichelhafte Bemerkung eines Lehrers, der ihm sinngemäß sogar die Eignung zum Apotheker absprach.
Dass dieser Lehrer die Fähigkeiten des jungen Liebig gründlich unterschätzte, sollte sich schon bald zeigen.
Ein brennender Anfang
Liebig begann eine Apothekerlehre in Heppenheim, die er jedoch vorzeitig beendete. Der Grund dafür war ein spektakulärer Zwischenfall: Bei eigenen chemischen Versuchen mit Knallsilber kam es im Dachstuhl der Apotheke zu einem Brand.
So kehrte der junge Justus nach Darmstadt zurück und arbeitete zunächst wieder im Betrieb seines Vaters.
Seine Begeisterung für die Chemie ließ ihn jedoch nicht los. In seiner Freizeit beschäftigte er sich intensiv mit Fachliteratur und besuchte die Großherzogliche Bibliothek in Darmstadt. Auf diese Weise eignete er sich bereits in jungen Jahren ein beachtliches Wissen an.
Sein Vater erkannte offenbar, dass in seinem Sohn mehr steckte, als dessen bisheriger schulischer Weg vermuten ließ. Er unterstützte ihn deshalb und vermittelte ihm ein Studium der Chemie bei Karl Wilhelm Gottlob Kastner.
Studium und wissenschaftlicher Aufstieg
Liebig studierte zunächst in Bonn, später folgte er seinem Lehrer Kastner nach Erlangen. Dort promovierte er mit einer Arbeit über das Verhältnis der Mineralchemie zur Pflanzenchemie.
Der junge Wissenschaftler war allerdings nicht nur wissenschaftlich engagiert. Er galt als selbstbewusst und politisch aufgeschlossen. Als Student beteiligte er sich an den damaligen Bewegungen gegen die Obrigkeit und geriet dadurch ins Visier der Polizei. Schließlich musste er nach Darmstadt zurückkehren.
Trotz dieser Schwierigkeiten entwickelte sich seine wissenschaftliche Laufbahn weiter.
Liebig erhielt ein Stipendium des Großherzogs Ludwig I. von Hessen, das ihm einen Studienaufenthalt in Paris ermöglichte. Dort konnte er seine Kenntnisse weiter vertiefen und eigene wissenschaftliche Arbeiten vorantreiben.
Ein wichtiger Förderer war Alexander von Humboldt. Humboldt wurde auf die Arbeiten des jungen Liebig aufmerksam und erkannte früh dessen außergewöhnliches Talent. Er setzte sich beim hessischen Großherzog für ihn ein.
Mit gerade einmal 21 Jahren erhielt Liebig schließlich eine Professur für Chemie und Pharmazie an der Universität Gießen.
Gießen wird zum Zentrum seiner Forschung
Was heute selbstverständlich erscheint, war damals revolutionär: Liebig machte das chemische Labor zu einem zentralen Ort des wissenschaftlichen Unterrichts.
In Gießen entwickelte er eine neue Form der praktischen Ausbildung von Chemikern. Studenten sollten nicht nur Bücher lesen und Vorlesungen besuchen, sondern selbst experimentieren, untersuchen und analysieren.
Damit prägte Liebig eine wissenschaftliche Ausbildung, die später weltweit Vorbildcharakter erlangen sollte.
Obwohl zahlreiche Universitäten um ihn warben – unter anderem in Göttingen, St. Petersburg, Wien, London und Heidelberg –, blieb Liebig zunächst Gießen treu.
Erst 1852 wechselte er nach München. König Maximilian II. von Bayern hatte ihn persönlich eingeladen und ihm die Möglichkeit geboten, dort ein neues chemisches Institut aufzubauen.
Chemie für das tägliche Leben
Liebigs Forschung blieb nicht auf das Labor beschränkt. Ihn interessierte vor allem die Frage, wie sich chemische Erkenntnisse auf das Leben der Menschen übertragen lassen.
Besonders bedeutend waren seine Arbeiten zur organischen Chemie, zur Ernährung und zur Landwirtschaft.
Er untersuchte unter anderem die Bedeutung mineralischer Nährstoffe für das Pflanzenwachstum und trug damit entscheidend zur Entwicklung der modernen Agrikulturchemie bei.
Auch mit der Ernährung beschäftigte sich Liebig intensiv. Bekannt wurden unter anderem seine Arbeiten zum Fleischextrakt. Später wurden unter seinem Namen auch Produkte wie eine lösliche Säuglingsnahrung vermarktet.
Sein Name ist darüber hinaus bis heute mit verschiedenen chemischen Apparaten und Laborverfahren verbunden.
So wurde aus dem Jungen, der einst in der Werkstatt seines Vaters mit Farben und Stoffen experimentierte, einer der einflussreichsten Chemiker des 19. Jahrhunderts.

Ein berühmter Mann mit Odenwälder Wurzeln
Liebigs wissenschaftliche Leistungen brachten ihm zahlreiche Ehrungen aus dem In- und Ausland ein.
1859 wurde er zum Präsidenten der Bayerischen Akademie der Wissenschaften berufen. Dieses Amt hatte er bis zu seinem Tod inne. 1862 erhielt er die Ehrenbürgerwürde der Stadt München.
Sein wissenschaftlicher Einfluss reichte inzwischen weit über Deutschland hinaus.
Und trotzdem blieb eine Verbindung zu seiner Familie im Odenwald bestehen.
Eine besonders schöne Geschichte darüber hat der Lehrer und Heimatkundler Heinrich Eidmann überliefert.
„Hier bringe ich Ihnen mein Bäschen aus dem Odenwald“
Die Geschichte führt dich zurück nach Niedernhausen.
Aus dem Haus der Familie Liebig – die sich später auch „von Stein“ schrieb – soll die junge Annemarie regelmäßig nach Darmstadt gegangen sein. Als sogenanntes „Buttermädchen“ brachte sie Butter, Handkäse und Eier in die Stadt.
Die Butter und den Handkäse trug sie in einer großen Buttermanne auf dem Kopf, die Eier in einem Henkelkorb am Arm. Den weiten Weg von Niedernhausen nach Darmstadt und zurück legte sie meist zu Fuß zurück. Nur gelegentlich nutzte sie die Postkutsche.
In Darmstadt besuchte Annemarie auch die Eltern von Justus Liebig, den sie noch aus ihrer Jugend kannte.
Eines Tages erfuhr sie, dass ihr Vetter Justus inzwischen ein berühmter Mann geworden war. Lange hatte sie ihn nicht gesehen. Als sie bei einem Besuch im Elternhaus erfuhr, dass Liebig gerade in Darmstadt weilte und sich im Hotel „Traube“ mit vornehmen Herren zu einer Tagung aufhielt, beschloss sie kurzerhand, ihn dort aufzusuchen.
Am Empfang bat sie darum, den „Freiherrn von Liebig“ zu sprechen. Der Pförtner wollte sie zunächst nicht zu ihm lassen. Doch Annemarie ließ sich nicht so einfach abweisen.
Schließlich wurde Liebig gerufen.
Und nun zeigt sich in der überlieferten Geschichte eine ganz andere Seite des berühmten Wissenschaftlers: Er soll seine Verwandte aus Niedernhausen herzlich begrüßt und sie sogar mit in den Kreis der vornehmen Herren genommen haben.
Dort stellte er sie mit den Worten vor:
„Hier bringe ich Ihnen mein Bäschen aus dem Odenwald.“
Annemarie musste sich neben ihn setzen und mit den Herren anstoßen.
Wie sehr ihr diese Begegnung im Gedächtnis geblieben ist, zeigt ihre spätere Erzählung zu Hause. In ihrem Odenwälder Dialekt soll sie sinngemäß gesagt haben:
„De Justus woar sou frouh, wie är mich gesähe hott; er hott sich gornet mit meer gescheemt. Awer ich hab mich gescheemt vor denne feine Herrn – ich hatt erst noch die Bottermanne uffm Kopp, wie er mich in des Zimmer gefiehrt hott.“
Ob sich die Geschichte genau so zugetragen hat, lässt sich heute natürlich nicht mehr überprüfen. Überliefert wurde sie von Heinrich Eidmann – und gerade deshalb ist sie ein reizvolles Stück regionaler Erinnerungskultur.
Denn sie erzählt nicht nur von dem berühmten Chemiker Justus Liebig, sondern auch davon, wie eng Familie und Heimat über gesellschaftliche Grenzen hinweg verbunden bleiben können.
Das Haus der Familie Liebig in Niedernhausen
Wenn du heute in Niedernhausen unterwegs bist, wirst du das historische Haus, in dem die Familie von Justus Liebigs Vorfahren einst lebte, nicht mehr finden.
Auf dieser Seite findest du eine historische Aufnahme des Hauses.
Das Gebäude wurde in den 1970er-Jahren abgerissen. Es stand an der Hauptstraße von Niedernhausen, ungefähr zwischen der heutigen Pizzeria und der Bushaltestelle „Schnurrgasse“. An seiner Stelle befinden sich heute Reihenhäuser.
Damit ist von dem Gebäude selbst nichts mehr erhalten.
Seine Geschichte aber ist geblieben.
Eine Familiengeschichte mit Weltgeschichte
Wenn du die Geschichte von Justus Liebig und seiner Familie betrachtest, wird deutlich, wie eng Regionalgeschichte und Weltgeschichte miteinander verbunden sein können.
Die Spur beginnt mit Hans Heinrich Liebig im 17. Jahrhundert in Niedernhausen. Über mehrere Generationen führt sie nach Groß-Bieberau und schließlich nach Darmstadt. Dort wird 1803 Justus Liebig geboren.
Aus dem Sohn eines Drogisten wird einer der bedeutendsten Chemiker seiner Zeit. Seine Forschungen verändern die Chemie, die Landwirtschaft und die Ernährungswissenschaft. Sein Name wird weltweit bekannt.
Und doch führt ein Teil seiner Familiengeschichte immer wieder zurück in den Odenwald – nach Niedernhausen im Fischbachtal.
Vielleicht ist genau das der besondere Reiz dieser Geschichte: Ein weltberühmter Wissenschaftler hatte seine Wurzeln nicht irgendwo in einer fernen Metropole, sondern in einer Familie, deren Spuren sich bis in unser Dorf zurückverfolgen lassen.
Wenn du heute durch Niedernhausen gehst, gehst du damit auch ein kleines Stück auf den Spuren von Justus Liebig und seiner Familie.


