Der Heildiener von Niedernhausen
Bei älteren Einwohnern von Niedernhausen ist ein Name bis heute nicht ganz vergessen: „’s Heildienersch“.
Wenn Du diesen Ausdruck hörst, kannst Du Dir vielleicht zunächst wenig darunter vorstellen.
Ein „Heildiener“?
Was war das denn?
Die Bezeichnung klingt heute fremd und beinahe ein wenig kurios. Dahinter verbirgt sich jedoch ein Beruf, den es im 19. Jahrhundert tatsächlich gab: der Heilgehilfe beziehungsweise Heildiener. In einer Zeit, in der es auf dem Land noch längst nicht überall niedergelassene Ärzte gab und ein Arzt nicht innerhalb weniger Minuten zur Stelle sein konnte, übernahmen solche Männer wichtige Aufgaben in der medizinischen Versorgung der Bevölkerung.
Einer dieser Männer war Johann Ludwig Schröbel aus Niedernhausen.
Und durch ihn hat sich der Name „Heildiener“ im örtlichen Gedächtnis bis heute erhalten.
Was war ein Heildiener?
Wenn Du heute krank bist oder Dich verletzt hast, ist medizinische Hilfe meist schnell erreichbar. Arztpraxen, Rettungsdienst, Krankenhäuser und Notaufnahmen gehören für uns selbstverständlich zum Alltag.
Im ländlichen Odenwald des 19. Jahrhunderts sah das ganz anders aus.
Die Dörfer waren kleiner, die Verkehrswege beschwerlicher und Ärzte wesentlich seltener. Ein Arztbesuch konnte einen erheblichen Aufwand bedeuten. Gerade bei Verletzungen, kleineren Wunden oder akuten Beschwerden war deshalb jemand vor Ort gefragt, der zumindest eine grundlegende medizinische Versorgung übernehmen konnte.
Hier kamen die Heilgehilfen ins Spiel.
Sie waren keine Ärzte im heutigen Sinne. Ihre Tätigkeit lag vielmehr in einem Bereich zwischen handwerklicher Versorgung, praktischer Krankenpflege und einfacher medizinischer Hilfe.
Ein Heilgehilfe musste beispielsweise wissen, wie eine Wunde versorgt, eine Blutung gestillt oder ein Verband angelegt wurde. Er sollte erkennen können, wann eine Verletzung gefährlich war und wann unbedingt ein Arzt hinzugezogen werden musste.
Man könnte sagen:
Der Heildiener war einer der Menschen, die medizinische Hilfe dorthin brachten, wo der Arzt nicht jederzeit erreichbar war.
Und einer dieser Männer war Ludwig Schröbel.
Johann Ludwig Schröbel
Johann Ludwig Schröbel wurde im Jahr 1827 geboren. Er war der Sohn von Johann Heinrich Schröbel und dessen Frau Elisabeth Barbara Frank.
Wie bereits sein Vater erlernte Ludwig zunächst ein Handwerk. Er wurde Nagelschmied.
Das war im damaligen Niedernhausen keineswegs ungewöhnlich. Handwerker gehörten zum festen Bestandteil des Dorflebens und mussten häufig mehrere Tätigkeiten miteinander verbinden, um den Lebensunterhalt ihrer Familie zu sichern.
Ludwig Schröbel blieb deshalb auch als Heilgehilfe seinem ursprünglichen Beruf verbunden.
Er war Nagelschmiedemeister und Heildiener zugleich.
Im Jahr 1858 heiratete er Margarethe Hechler.
Einige Jahre später, 1864, errichtete er in der heutigen Darmstädter Straße 37 eine Hofreite. Damit entstand ein Wohn- und Wirtschaftsgebäude, das mit seiner Familie und seiner beruflichen Tätigkeit verbunden war.
Sein Leben spielte sich also mitten im Dorf ab – zwischen Handwerk, Familie und der Versorgung seiner Mitmenschen.
Eine Familie mit langer Geschichte
Die Geschichte der Familie Schröbel reicht allerdings noch weiter zurück.
Ursprünglich soll die Familie aus Oberfranken stammen und dort dem Müllerhandwerk nachgegangen sein. Später gelangte ein Zweig der Familie in den Odenwald.
Auch in der näheren Umgebung finden sich Spuren der Familie.
Ludwigs Großvater Leonard Schröbel war beispielsweise in Nieder-Modau als Wirt tätig.
Durch eine Heirat kam später ein Angehöriger der Familie Schaller in die Familie, wodurch sich dort schließlich auch der Familienname veränderte. Die betreffende Gaststätte besteht – bemerkenswert genug – bis heute.
Solche Familiengeschichten zeigen, wie eng die Lebenswege der Menschen in den Dörfern miteinander verbunden waren.
Eine Familie stellte einen Wirt, ein anderer Familienzweig arbeitete als Müller, ein weiterer als Handwerker.
Und in Niedernhausen kam mit Ludwig Schröbel noch eine weitere Aufgabe hinzu:
die medizinische Versorgung der Menschen.
Die Prüfung zum Heilgehilfen
Besonders spannend wird Ludwigs Geschichte dadurch, dass wir nicht nur wissen, dass er als Heildiener tätig war.
Wir wissen sogar, wie er sich dafür qualifizieren musste.
Ludwig Schröbel stellte gemeinsam mit seinem Verwandten Peter Schröbel das Gesuch, als Heilgehilfe zugelassen zu werden.
Am 8. Januar 1853 mussten sich die beiden in Groß-Bieberau einer Prüfung unterziehen.
Und die Prüfungsfragen zeigen sehr deutlich, dass hinter dem Beruf wesentlich mehr steckte, als der heute vielleicht etwas harmlose Begriff „Heildiener“ vermuten lässt.
Gefragt wurde beispielsweise:
- Welche Vorbereitungen sind zu einem Aderlass erforderlich?
- Welche Gefahren sind mit einem Aderlass verbunden?
- Aus welchem Grund wird eine Kompressionsbinde angelegt?
- Woran erkennt man die Verletzung einer Schlagader?
- Was ist bei einer Verletzung einer Schlagader zuerst zu tun?
- Wie wird eine Blutung nach der Anwendung von Blutegeln gestillt?
- Was ist zu tun, wenn sich eine Blutung am Hals eines Kindes auf gewöhnlichem Wege nicht stillen lässt?
Wenn Du diese Fragen liest, bekommst Du einen guten Eindruck davon, welche Situationen ein Heilgehilfe beherrschen musste.
Es ging nicht nur darum, einen Verband anzulegen.
Ein Heilgehilfe musste Blutungen erkennen und behandeln können, grundlegende Kenntnisse über Verletzungen besitzen und wissen, welche Maßnahmen im Notfall einzuleiten waren.
Natürlich entsprach dieses Wissen nicht der modernen Medizin. Viele der damals üblichen Behandlungsmethoden erscheinen uns heute überholt oder sogar gefährlich.
Aber für die damalige Zeit waren solche Kenntnisse wichtig.
Aderlass und Schröpfen
Zu den Tätigkeiten, mit denen Ludwig als Heildiener in Berührung kam, gehörten auch der Aderlass und das Schröpfen.
Heute kennen wir diese Begriffe vor allem aus historischen Darstellungen oder aus dem Bereich alternativer Heilmethoden.
Im 19. Jahrhundert waren sie dagegen Bestandteile der damals verbreiteten medizinischen Praxis.
Beim Aderlass wurde gezielt Blut entnommen. Man ging davon aus, dass dadurch ein krankhaftes Ungleichgewicht im Körper beseitigt werden könne.
Beim Schröpfen wurden sogenannte Schröpfköpfe auf die Haut gesetzt. Je nach Methode entstand dabei ein Unterdruck, der die Haut und das darunterliegende Gewebe beeinflusste.
Aus heutiger medizinischer Sicht wissen wir, dass die damaligen Vorstellungen über die Ursachen vieler Krankheiten nicht mit unserem heutigen Wissen übereinstimmten.
Trotzdem solltest Du solche Behandlungsmethoden nicht einfach als „Unsinn“ abtun. Sie waren Teil des medizinischen Wissens ihrer Zeit und wurden von Ärzten und Heilgehilfen gleichermaßen angewendet.
Für die Menschen damals war ein Heildiener deshalb keineswegs eine nebensächliche Figur.
Er war jemand, an den man sich wenden konnte, wenn es gesundheitliche Probleme gab.
Der Heildiener als Helfer im Dorf
Wenn Du Dir Niedernhausen um die Mitte des 19. Jahrhunderts vorstellst, kannst Du Dir auch die Bedeutung eines solchen Mannes besser vorstellen.
Das Dorf war eine Gemeinschaft, in der jeder wusste, wer welches Handwerk beherrschte.
Der Schmied.
Der Schreiner.
Der Müller.
Der Wirt.
Und eben der Heildiener.
Wenn sich jemand bei der Arbeit verletzte, wenn ein Kind stürzte, wenn sich jemand eine tiefe Schnittwunde zuzog oder eine andere akute Verletzung versorgt werden musste, war ein ausgebildeter Heilgehilfe eine wichtige Anlaufstelle.
Dabei darfst Du nicht vergessen, dass viele Menschen körperlich hart arbeiteten. Landwirtschaft, Handwerk und Waldarbeit waren anstrengende Tätigkeiten und gingen mit einem erheblichen Verletzungsrisiko einher.
Maschinen und Arbeitsschutz, wie wir sie heute kennen, gab es nur in sehr eingeschränktem Umfang.
Eine schwere Verletzung konnte deshalb schnell lebensbedrohlich werden.
Gerade bei starken Blutungen konnte die erste Hilfe über Leben und Tod entscheiden.
Ludwig Schröbel – mehr als nur Heildiener
Doch Ludwig Schröbel war nicht nur wegen seiner medizinischen Tätigkeit im Dorf bekannt.
Er blieb weiterhin Nagelschmiedemeister und war damit fest im handwerklichen Leben Niedernhausens verwurzelt.
Außerdem ist er in der örtlichen Erinnerung als Leichenbeschauer überliefert.
Auch diese Tätigkeit gehört zu einer Zeit, in der die Aufgaben eines Menschen im Dorf wesentlich vielseitiger waren als heute.
Der Leichenbeschauer hatte die Aufgabe, den Tod festzustellen und entsprechende Untersuchungen beziehungsweise Meldungen vorzunehmen. Gerade bevor sich moderne medizinische und behördliche Strukturen entwickelten, waren solche örtlichen Funktionen von großer Bedeutung.
Und Ludwig hatte offenbar noch eine weitere Begabung:
Er soll ein musikalischer Mensch gewesen sein.
Damit ergibt sich ein bemerkenswert vielseitiges Bild.
Ludwig Schröbel war Handwerker, Heilgehilfe, Leichenbeschauer und Musiker.
Ein Mann also, dessen Tätigkeiten weit über das hinausgingen, was wir heute mit dem Begriff „Nagelschmied“ verbinden würden.
Zehn Kinder – und eine große Familie
Ludwig und seine Frau Margarethe hatten zehn Kinder, sechs Jungen und vier Mädchen.
Damit war seine Familie wiederum Teil einer Zeit, in der große Familien auf dem Land keine Seltenheit waren.
Auch Ludwig selbst stammte aus einer großen Familie. Er hatte insgesamt zehn Geschwister.
Wenn Du Dir eine solche Familie vorstellst, wird deutlich, wie lebendig ein Haus damals gewesen sein muss.
Mehrere Generationen, Kinder, Handwerk, Landwirtschaft und tägliche Arbeit spielten sich häufig auf engstem Raum ab.
Familiennamen wurden dabei zunehmend durch Haus- und Spitznamen ergänzt. Gerade in kleinen Dörfern war das notwendig, wenn mehrere Familien denselben Nachnamen trugen.
Und auch in der Familie Schröbel sollte sich ein solcher Hausname entwickeln.
Vom „Heildiener“ zu den „Heinersch“
Ludwig Schröbel wurde zum Ururgroßvater des Betreibers dieser Seiten.
Sein Sohn Heinrich Schröbel – der Urroßvater des heutigen Seitenbetreibers – erwarb ganz in der Nähe des elterlichen Hauses den Hof eines ausgewanderten Bauern.
Aus diesem Familienzweig entwickelte sich später der Hausname „Heinersch“.
Damit zeigt sich besonders schön, wie aus einem einzelnen Menschen über Generationen hinweg ein Stück Ortsgeschichte entstehen kann.
Heute ist der Name „Heildiener“ beinahe verschwunden.
Doch in Niedernhausen ist er in der mündlichen Überlieferung noch vorhanden:
„’s Heildienersch“.
Wer diesen Ausdruck heute hört, hört darin vielleicht nur einen alten Spitznamen.
Tatsächlich steckt dahinter aber die Geschichte eines Mannes, der im 19. Jahrhundert eine für sein Dorf wichtige Aufgabe übernommen hatte.
Medizin auf dem Land
Die Geschichte des Ludwig Schröbel erzählt deshalb auch etwas über die medizinische Versorgung im ländlichen Odenwald.
Der Arzt war damals nicht selbstverständlich „gleich um die Ecke“.
Zwischen Patient und Arzt gab es Menschen wie den Heilgehilfen, die mit praktischen Kenntnissen einen Teil der medizinischen Versorgung übernahmen.
Sie wussten, wie man Wunden versorgt, Blutungen behandelt und Verbände anlegt. Sie kannten die damals üblichen Behandlungsmethoden und mussten gleichzeitig erkennen, wann ihre eigenen Möglichkeiten nicht mehr ausreichten.
Das macht den Beruf des Heilgehilfen zu einem interessanten Bindeglied zwischen der traditionellen Dorfmedizin und der sich im 19. Jahrhundert zunehmend professionalisierenden modernen Medizin.
Gerade die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war eine Zeit großer Veränderungen. Medizinische Ausbildung und Krankenversorgung entwickelten sich weiter, Krankenhäuser gewannen an Bedeutung und die wissenschaftliche Medizin machte erhebliche Fortschritte.
Doch auf dem Land dauerte es, bis diese Veränderungen im Alltag der Menschen ankamen.
Bis dahin waren Männer wie Ludwig Schröbel wichtig.
Ein alter Name erzählt eine Geschichte
Wenn Du heute durch Niedernhausen gehst und irgendwo noch den Ausdruck „’s Heildienersch“ hörst, steckt darin also viel mehr als nur ein alter Spitzname.
Der Name erinnert an Johann Ludwig Schröbel, geboren 1827, Nagelschmiedemeister und Heilgehilfe.
Er erinnert an eine Zeit, in der medizinische Versorgung anders organisiert war als heute.
An eine Zeit, in der der Handwerker zugleich medizinischer Helfer sein konnte.
An eine Zeit, in der Aderlass und Schröpfen zur anerkannten Behandlungspraxis gehörten und in der die Fähigkeit, eine starke Blutung zu stillen, eine lebenswichtige Fertigkeit sein konnte.
Und schließlich erinnert der Name an die Menschen selbst.
An Ludwig Schröbel, seine Frau Margarethe, ihre zehn Kinder und die vielen Verwandten, die über Generationen hinweg in Niedernhausen lebten.
Ein Stück Familien- und Ortsgeschichte
Besonders schön an dieser Geschichte ist, dass sie nicht irgendwo in einem Geschichtsbuch endet.
Sie führt direkt zurück in die Häuser und Familien von Niedernhausen.
Der alte Name „Heildiener“ hat sich über Generationen erhalten. Aus einer Berufsbezeichnung wurde ein Haus- oder Familienname und schließlich ein Stück mündlicher Ortsgeschichte.
Und so kannst Du an einem einzigen alten Ausdruck erkennen, wie eng Beruf, Familie und Dorfgeschichte früher miteinander verbunden waren.
Vielleicht wird Dir der Begriff „’s Heildienersch“ beim nächsten Mal, wenn Du ihn hörst, deshalb etwas anders vorkommen.
Denn dahinter steckt nicht einfach ein alter Spitzname.
Dahinter steckt Johann Ludwig Schröbel – ein Nagelschmiedemeister, Heilgehilfe, Leichenbeschauer und Musiker, der vor mehr als 150 Jahren in Niedernhausen lebte und arbeitete.
Seine Tätigkeit ist längst verschwunden.
Sein Name aber ist geblieben.
„’s Heildienersch“ – ein kleines Stück Niedernhausen, das bis heute von einem längst vergangenen Berufsleben erzählt.


