Der Haiser Latz

Räuber – allein dieses Wort klingt verwegen, geheimnisvoll und gefährlich. Schon in unserer Kindheit begegnet es uns in Geschichten und Erzählungen. Wer kennt nicht den Räuber Hotzenplotz, der Generationen von Kindern in seinen Bann gezogen hat?

Doch während Hotzenplotz eine literarische Figur ist, gab es Räuber in unserer eigenen Heimat tatsächlich. Auch im Odenwald und in den umliegenden Dörfern sind für vergangene Jahrhunderte zahlreiche Personen überliefert, die ihren Lebensunterhalt mit Diebstahl, Raub und anderen Straftaten bestritten. Manche von ihnen sind heute vergessen, andere haben in Ortsnamen, Flurnamen oder mündlichen Überlieferungen bis in unsere Zeit überlebt.

Eine dieser Gestalten ist im Fischbachtal bis heute bekannt: der geheimnisvolle „Haiser Latz“.

Wer allerdings genau dieser Latz gewesen ist, lässt sich heute nicht mehr eindeutig beantworten.

Und gerade das macht seine Geschichte so interessant.

Von Raubrittern und Wegelagerern

Wenn Du Dich mit der Geschichte unserer Gegend beschäftigst, musst Du zunächst einige Jahrhunderte zurückgehen.

Schon im Mittelalter gab es hier Menschen, die von Überfällen und Raubzügen lebten. Besonders bekannt sind die sogenannten Kalbe, auch als Kalb von Reinheim bezeichnet. Ihr Stammsitz befand sich auf dem Schlossberg bei Nieder-Modau.

Von dort aus sollen sie ihre Beutezüge unternommen haben. Ob dabei tatsächlich alles so abenteuerlich und räuberisch zuging, wie es spätere Überlieferungen erzählen, lässt sich heute nicht in jedem Fall nachvollziehen. Sicher ist jedoch, dass die Familie in den Auseinandersetzungen ihrer Zeit eine Rolle spielte und ihre Burganlage schließlich zerstört und geschleift wurde.

Von der einstigen Anlage sind heute nur noch wenige Überreste erhalten. Die Familie Kalb starb im 16. Jahrhundert im Mannesstamm aus.

Neben diesen mittelalterlichen Raubrittern gab es zu allen Zeiten auch die weniger spektakulären Vertreter der Kriminalität: Tagdiebe, Wegelagerer, Herumtreiber und Diebe, die sich mit größeren oder kleineren Straftaten über Wasser hielten.

Kriminalität ist leider keine Erfindung der Neuzeit.

Wenn aus Räubern Legenden werden

Besonders interessant wird die Geschichte dort, wo aus tatsächlichen Personen und Ereignissen im Laufe der Zeit Legenden entstehen.

Manchmal bleibt von einem Menschen nur noch ein Wort übrig.

Wer denkt beispielsweise beim Wort „stibitzen“ noch an einen tatsächlichen Menschen namens Peter Stibitz?

Und wer kennt heute noch die Person, die hinter der Bezeichnung „Schwarzer Peter“ stehen soll?

Mit dem sogenannten Peter Petri, dem „Schwarzen Peter“, und Peter Stibitz begegnen uns zwei Gestalten, die in der Überlieferung als berüchtigte Räuber erscheinen. Beide sollen zeitweise mit einem Mann zusammengetroffen sein, dessen Name weit bekannter geworden ist:

dem Schinderhannes.

Der Schinderhannes im Odenwald

Der bürgerliche Name des Schinderhannes war Johannes Bückler. Seinen Beinamen erhielt er, weil sein Vater als Abdecker tätig war – im damaligen Sprachgebrauch ein „Schinder“.

Bückler wurde zu einem der bekanntesten Räuber des frühen 19. Jahrhunderts. Gemeinsam mit wechselnden Komplizen beging er zahlreiche Diebstähle und Raubüberfälle in einem großen Gebiet links und rechts des Rheins.

Auch der Odenwald gehörte zu dieser Welt.

Dabei scheint der Odenwald für Bückler nicht unbedingt das eigentliche Zentrum seiner Raubzüge gewesen zu sein. Vielmehr bot ihm die unübersichtliche Landschaft mit ihren Wäldern, abgelegenen Höfen und zahlreichen kleinen Ortschaften Möglichkeiten, sich zeitweise zurückzuziehen, wenn es in seinem eigentlichen Operationsgebiet zu gefährlich wurde.

Außerdem konnte er hier offenbar gestohlene Waren absetzen.

Überliefert ist unter anderem, dass er sich bei einem sogenannten „Maus von Semd“, bei einem gewissen Johann Henrich und bei einem dortigen Müller aufgehalten haben soll. Auch in Habitzheim soll er bei einem Henrich Rappgestohlene Waren verkauft haben.

Ob Bückler selbst auch auf dem Gebiet des heutigen Fischbachtals unterwegs war, lässt sich anhand der uns vorliegenden Quellen allerdings nicht sicher belegen.

Seine Spuren reichen dennoch in unsere unmittelbare Umgebung.

Die Familie Gehrhardt und Jacob Gerhard

In diesem Zusammenhang ist eine Familiengeschichte besonders bemerkenswert.

Die Familie Gehrhardt führt ihre Überlieferung auf einen Sohn des Jacob Gerhard von Weiden zurück. Jacob Gerhard betrieb bei Weiden im Fischbachtal eine Mühle – und gerade diese Mühle soll mit Johannes Bückler in Verbindung gestanden haben.

Eine bemerkenswerte Namensgleichheit kommt hinzu: Der Aufenthaltsort Weiden und der Name der historischen Person Jacob Gerhard von Weiden lassen zunächst vermuten, dass hier ein enger Zusammenhang besteht. Bei solchen Angaben ist allerdings Vorsicht geboten, denn Orts- und Familienbezeichnungen wurden in älteren Quellen nicht immer so eindeutig verwendet, wie wir es heute gewohnt sind.

Jacob Gerhard soll um 1800 mehrfach mit Bückler zusammen gewesen sein. Ihm wurde unter anderem eine Beteiligung am sogenannten „Hottenbacher Raub“ zugeschrieben.

Später kam er ins Gefängnis nach Birkenfeld, aus dem er jedoch entkommen konnte. Für kurze Zeit soll er sich danach bei einem Müller in Umstadt aufgehalten haben.

Solche Geschichten zeigen, wie eng die Wege der damaligen Räuber und ihrer Helfer miteinander verbunden waren. Die Täter bewegten sich über weite Strecken, wechselten ihre Aufenthaltsorte und fanden Unterstützung bei Personen, die ihnen Unterkunft, Verstecke oder Absatzmöglichkeiten für gestohlene Waren verschaffen konnten.

Weitere Räuber im Odenwald

Auch andere Namen tauchen in den historischen Berichten dieser Zeit immer wieder auf.

So wird beispielsweise Johann Martin Rinkert aus Schlossborn genannt, der im Odenwald aktiv gewesen sein soll. In Michelstadt bestahl er gemeinsam mit dem sogenannten „Scheelen Franz“, Johann Adam, dem „Korbmacher von Ueberrhein“, und Wilhelm Reinhard einen Juden.

Der „Scheele Franz“ soll seinen Beinamen einem Augenfehler verdankt haben. Wilhelm Reinhard wiederum soll eigentlich Gundermann geheißen haben. Zusammen mit einem jungen Mann namens Hans wurde er in Lindenfels festgenommen.

Johann Adam, der auch „Hannadam“ genannt wurde, konnte dagegen entkommen.

Auch er taucht später wieder in den Geschichten um die Räuberbanden des Odenwaldes auf.

Und damit nähern wir uns dem Mann, der für unsere Heimatgeschichte besonders interessant ist:

dem Haiser Latz.

Der Haiser Latz

Im Fischbachtal ist der „Haiser Latz“ wohl die bekannteste Räubergestalt.

Allerdings ist erstaunlich wenig über ihn bekannt.

Wenn Du heute nach seinem wirklichen Namen, seinem Geburtsort oder seinem Lebenslauf suchst, stößt Du schnell an Grenzen. In der einschlägigen lokalen Literatur wird er zwar als Bandenführer genannt, doch eine eindeutige Identifizierung mit einer historischen Person gelingt bislang nicht.

Nach der allgemeinen Überlieferung soll es sich bei Latz um einen ehemaligen Soldaten gehandelt haben, der gemeinsam mit mehreren anderen Männern eine Räuberbande bildete.

Ihre Unterkunft soll sich in einer Höhle am „Spitzen Stein“ zwischen Billings und Nonrod befunden haben.

Diese Höhle wurde im Volksmund „Latze Keller“ genannt.

Der Latze Keller

Der Gedanke an eine Räuberhöhle mitten im Wald klingt heute beinahe wie eine Geschichte aus einem Abenteuerroman.

Doch die Überlieferung berichtet tatsächlich von einer Höhle, die von der Bande als Unterkunft genutzt worden sein soll.

Offenbar war sie nicht lediglich ein primitischer Unterschlupf. Nach späteren Berichten hatten die Männer sie regelrecht eingerichtet. Selbst ein Ofen soll vorhanden gewesen sein.

Von hier aus sollen die Räuber ihre Streifzüge in die umliegenden Orte und über die Straßen des Odenwaldes unternommen haben.

Zu der Bande werden verschiedene Namen genannt:

  • Latz
  • Georg Dascher
  • Jakob Erbeldinger
  • Johann Adam Grassmann
  • Handschuh
  • Fabian
  • Matzbull
  • sowie weitere Personen, die in den unterschiedlichen Quellen teilweise unter Spitznamen erscheinen.

Doch schon an dieser Stelle beginnt das Problem.

Denn nicht jede Quelle nennt dieselben Personen und nicht jede Überlieferung ordnet ihnen dieselben Taten zu.

Der Überfall auf Neunkirchen

Ein besonders schwerer und bis heute überlieferter Überfall ereignete sich am 27. April 1802 in Neunkirchen.

Der damalige Pfarrer Lindenborn wurde gemeinsam mit seiner Frau und deren beiden Schwestern von den Räubern überfallen und schwer misshandelt.

Die Bande plünderte sowohl das Pfarrhaus als auch die Kirche.

Besonders raffiniert gingen die Täter dabei gegen mögliche Helfer vor: Die Kirchentür wurde besetzt und die Glockenseile wurden abgeschnitten. Dadurch sollte verhindert werden, dass im Dorf Sturm geläutet und auf diese Weise Hilfe herbeigerufen werden konnte.

Wer zu Hilfe kommen wollte, wurde mit Gewalt und sogar mit dem Tod bedroht.

Die Räuber erbeuteten Geld, Schmuck, Wertgegenstände und unter anderem den goldenen Kelch der Kirche.

Nachdem die Beute gesichert war, verschwanden sie wieder.

Was heute wie eine dramatische Räubergeschichte klingt, war für die Menschen in Neunkirchen eine reale und vermutlich zutiefst beängstigende Erfahrung.

Die Erinnerung des Lehrers Johannes Feick

Von diesem Überfall berichtet auch der ehemalige Neunkircher Lehrer Johannes Feick in seiner Festansprache zur Einweihung des Kaiserturms im Jahr 1907.

Interessant ist, dass seine Darstellung in einigen Punkten von der späteren Erzählung abweicht.

Bei Feick wird der Überfall nicht ausdrücklich dem „Haiser Latz“ zugeschrieben. Stattdessen ist von einer Räuberbande um Götz und Dascher aus Steinau die Rede.

Die Bande soll am 27. April 1802 gegen 11 Uhr vormittags mit beinahe 30 Männern in Neunkirchen erschienen sein.

Auch hier wird von Misshandlungen und den abgeschnittenen Glockenseilen berichtet.

Darüber hinaus enthält Feicks Erzählung einige besonders eindrucksvolle Einzelheiten. So soll den Bewohnern befohlen worden sein, jedes Licht in ihren Häusern sofort zu löschen. Die Bande sei beinahe militärisch organisiert aufgetreten. Einige Räuber sollen sogar unter den Linden am Marktplatz gesessen haben.

Ein Zeuge will Trommeln gehört haben.

Nachdem die Räuber ihre Beute an sich genommen hatten, sollen sie schließlich unter Trommelwirbel und großem Lärm aus dem Dorf abgezogen sein.

Ob jedes Detail dieser Schilderung tatsächlich so geschehen ist, lässt sich heute kaum noch überprüfen.

Doch die Erzählung zeigt, welchen Eindruck der Überfall im kollektiven Gedächtnis des Ortes hinterlassen hatte.

Latz oder Dascher?

Und hier wird es für unsere Geschichte besonders spannend.

Denn wenn der Überfall von Neunkirchen tatsächlich mit der Bande um Georg Dascher in Verbindung gebracht werden kann, stellt sich die Frage:

Wer war dann eigentlich der „Haiser Latz“?

War Latz tatsächlich der Anführer derselben Bande?

Oder wurde sein Name erst später mit den Räubern verbunden?

Oder handelt es sich bei „Latz“ überhaupt nicht um einen Eigennamen?

Eine eindeutige Antwort können wir heute nicht geben.

Georg Dascher – der „Stoaner“

Einer der Männer, die sich tatsächlich historisch fassen lassen, ist Georg Dascher.

Er wurde am 5. November 1765 in Steinau geboren. Sein Vater war der Leinenweber Johann Philipp Dascher.

Georg Daschers Leben endete am 25. Juni 1813 in Darmstadt. Er wurde dort gemeinsam mit fünf weiteren Räubern mit dem Schwert hingerichtet.

Damit lässt sich zumindest für einen Teil der überlieferten Räuberbanden eine konkrete Person nachweisen.

Dascher wurde unter anderem folgende Straftaten zugeschrieben:

Straßenräuberei bei Schannenbach, gemeinsam mit Grassmann, Georg Dascher, Jakob Erbeldinger und Johann Adam Heussner.

Straßenräuberei bei Schiersheim, an der neben Dascher unter anderem Johann Adam Grassmann, Stephan Heussner, der „dicke Bub“ und Jakob Erbeldinger beteiligt gewesen sein sollen.

Diebstahl auf einem Hof bei Wünschmichelbach, gemeinsam mit Johann Adam Grassmann, Georg und Lorenz Dascher sowie dem „dicken Bub“.

Diebstahl auf einem Bauernhof bei Billings, wiederum gemeinsam mit Grassmann, den Brüdern Dascher, dem „dicken Bub“ und Jakob Erbeldinger.

Und schließlich eine Straßenräuberei zwischen Neunkirchen und Laudenau, bei der Adam Heussner, Georg Dascher, Jakob Erbeldinger und der „Hannadam“ beteiligt gewesen sein sollen.

Georg Dascher wurde auch „Stoaner“ genannt – eine Bezeichnung, die sich auf seine Herkunft aus Steinau bezog.

Damit haben wir zumindest einen konkreten Namen, der mit den Räuberbanden jener Zeit in Verbindung gebracht werden kann.

Doch der Name „Latz“ bleibt weiterhin rätselhaft.

Was bedeutet eigentlich „Latz“?

Vielleicht liegt die Lösung gar nicht bei einer Person.

Im südhessischen Sprachraum finden sich die Begriffe „latzen“ beziehungsweise „Latze“ in unterschiedlichen Bedeutungen. Sie können unter anderem mit dem Gedanken verbunden sein, sich etwas zugutekommen zu lassen, etwas an sich zu nehmen oder – in entsprechender mundartlicher Verwendung – zu stehlen.

Und damit eröffnet sich eine ganz andere Möglichkeit.

Vielleicht war der „Haiser Latz“ ursprünglich gar nicht der Name eines einzelnen Räubers.

Vielleicht bezeichnete der Ausdruck vielmehr einen „Dieb von Hause“ beziehungsweise einen Dieb aus Niedernhausen.

Denn genau hier wird die Geschichte besonders interessant.

Die Bewohner von Niedernhausen werden beziehungsweise wurden in den Nachbardörfern traditionell auch als „Haiser Latze“ bezeichnet.

Der „Haiser Latz“ könnte demnach weniger eine konkrete historische Person als vielmehr eine mundartliche oder spöttische Bezeichnung gewesen sein.

Aus einem solchen Spitznamen könnte im Laufe der Zeit eine einzelne Räuberfigur entstanden sein.

Oder aber umgekehrt: Ein tatsächlich vorhandener Räuber namens Latz gab einer ganzen Gruppe oder später den Einwohnern eines Ortes seinen Namen.

Welche Erklärung stimmt?

Das lässt sich heute nicht mehr sicher entscheiden.

Der Räuber, den niemand mehr genau kennt

Vielleicht ist genau diese Ungewissheit das Faszinierende am „Haiser Latz“.

Bei anderen Räubern können wir Namen, Geburtsdaten, Gerichtsakten und sogar das Ende ihres Lebens nachvollziehen.

Beim Haiser Latz ist das anders.

Wir kennen den Namen.

Wir kennen den Latze Keller.

Wir kennen die Geschichten über eine Räuberbande, die in den Wäldern zwischen Billings und Nonrod ihr Versteck gehabt haben soll.

Wir kennen die Erzählung vom Überfall auf Neunkirchen.

Wir kennen Georg Dascher, Grassmann, Erbeldinger, Heussner und andere Namen aus den damaligen Gerichts- und Überlieferungszusammenhängen.

Aber wir können bislang keinen dieser Männer zweifelsfrei mit dem sagenumwobenen „Haiser Latz“ gleichsetzen.

Und vielleicht ist gerade dadurch aus einem historischen Ereignis eine echte Sagengestalt geworden.

Ein Stück Geschichte im Wald

Wenn Du heute durch den Wald zwischen Billings und Nonrod wanderst und an den Spitzen Stein denkst, ist es nicht leicht, sich vorzustellen, dass diese Gegend vor mehr als zweihundert Jahren möglicherweise Schauplatz solcher Ereignisse war.

Heute herrscht dort Ruhe.

Damals war der Wald für die Menschen jedoch nicht nur Erholungsraum. Er war zugleich ein Ort, an dem man sich verstecken konnte, an dem Wege schlecht überschaubar waren und an dem Fremde leicht verschwinden konnten.

Für eine Räuberbande waren abgelegene Wälder deshalb ein idealer Rückzugsort.

Der Latze Keller wurde zum Mittelpunkt dieser Überlieferung.

Auch wenn die Höhle später beseitigt und zugeschüttet wurde, blieb ihr Name erhalten.

Und damit blieb auch der Name des Mannes – oder vielleicht der Bezeichnung –, die dahinterstand, im Gedächtnis der Menschen.

Was wir wissen – und was wir nicht wissen

Bei aller Begeisterung für alte Räubergeschichten sollten wir zwischen historisch belegbaren Tatsachen und späterer Überlieferung unterscheiden.

Dass es Anfang des 19. Jahrhunderts tatsächlich Räuberbanden im Odenwald gab, ist unbestritten.

Dass Georg Dascher und andere genannte Personen existierten und wegen schwerer Straftaten verfolgt und teilweise hingerichtet wurden, lässt sich ebenfalls nachvollziehen.

Auch der Überfall auf Neunkirchen vom 27. April 1802 ist in der lokalen Überlieferung ausführlich beschrieben.

Weniger sicher ist dagegen die Verbindung dieser Ereignisse mit einem konkreten Räuber namens Latz.

Hier scheint die mündliche Überlieferung im Laufe der Zeit verschiedene Personen, Ereignisse und Bezeichnungen miteinander verbunden zu haben.

Vielleicht war „Latz“ tatsächlich der Spitzname eines bestimmten Mannes.

Vielleicht war er ein heute nicht mehr identifizierbarer Bandenführer.

Vielleicht bezeichnete der Begriff ursprünglich schlicht einen Dieb.

Und vielleicht entstand der „Haiser Latz“ erst durch die Verbindung einer mundartlichen Bezeichnung mit der Erinnerung an die Räuberbande.

Eine offene Geschichte

Genau deshalb soll diese Geschichte nicht als endgültige Antwort verstanden werden.

Vielleicht findest Du in alten Kirchenbüchern, Gerichtsakten, Ortschroniken oder Familienunterlagen noch einen Hinweis, der das Rätsel lösen kann.

Vielleicht gibt es irgendwo noch eine alte Bezeichnung, einen vergessenen Namen oder eine überlieferte Geschichte, die eine Verbindung zwischen dem „Haiser Latz“ und einem der historisch bekannten Räuber herstellt.

Bis dahin bleibt der Haiser Latz eine der geheimnisvollsten Gestalten der Fischbachtaler Lokalgeschichte.

Ein Name aus einer Zeit, in der Räuberbanden durch den Odenwald zogen, einsame Höfe und Straßen unsicher machten und ein abgelegener Keller im Wald zum Versteck werden konnte.

Ob hinter dem Namen ein einzelner Mann, ein Spitzname oder nur die Erinnerung an einen ganzen Typus von Räubern steckt, wissen wir heute nicht mehr.

Aber vielleicht muss eine gute Geschichte auch nicht jedes Geheimnis auflösen.

Manchmal reicht es, wenn ein Name über zweihundert Jahre hinweg weitergegeben wird.

Der Haiser Latz ist so ein Name.

Und wenn Du heute durch den Wald am Spitzen Stein gehst, kannst Du Dir vielleicht für einen Moment vorstellen, wie es hier vor mehr als zweihundert Jahren gewesen sein mag – als die Menschen im Fischbachtal noch Angst vor Räubern haben mussten und irgendwo im Wald eine Höhle lag, die man den „Latze Keller“ nannte.

Die Köpfe im Titel

Die abgebildeten Köpfe erinnern an einige der bekanntesten Räubergestalten, die mit der Geschichte des Odenwaldes und seiner Umgebung verbunden sind: Mane Friedrich, Hölzerlips, Kramer Mathes und Veit Kramer.

Auch ihre Geschichten gehören zu jener besonderen historischen Welt zwischen tatsächlichem Verbrechen, Gerichtsakten, mündlicher Überlieferung und späterer Legendenbildung.

Sie zeigen, dass der Odenwald keineswegs immer nur die idyllische Landschaft war, als die wir ihn heute kennen.

Für die Menschen jener Zeit konnte der Wald zugleich Schutz, Arbeitsplatz, Verkehrsweg – und ein durchaus unheimlicher Ort sein.

Und irgendwo zwischen diesen Wäldern lebt bis heute die Erinnerung an einen Mann weiter, dessen wirkliche Identität uns vielleicht für immer verborgen bleiben wird:

den Haiser Latz.

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