Aus der Geschichte der Kirche und Kirchengemeinde im Fischbachtal
Ein Blick auf fast 1.500 Jahre Kirchengeschichte
Wenn du heute durch das Fischbachtal gehst, begegnen dir überall Spuren einer langen kirchlichen Geschichte. Doch bis ins 19. Jahrhundert hinein gab es im Gebiet der heutigen Gemeinde Fischbachtal keine eigene Pfarrkirche.
Das kirchliche Zentrum für die Menschen des Fischbachtals lag über viele Jahrhunderte in der Michaelskirche in Groß-Bieberau. Erst mit der Gründung des eigenen Kirchspiels Niedernhausen und dem Bau der heutigen Kirche änderte sich dies grundlegend.
Das Fischbachtal – ein Kirchspiel von Groß-Bieberau
Früher gehörte das Gebiet der heutigen Gemeinde Fischbachtal zum Kirchspiel Groß-Bieberau. Zu diesem Kirchspiel gehörten die Filialorte:
Billings · Lichtenberg · Messbach · Niedernhausen · Nonrod · Rodau mit Hottenbach · Steinau
Hinzu kamen drei Laudenauer Höfe, die erst ab 1838 nach Neunkirchen pfarrten.
Das Kirchspiel Groß-Bieberau gehörte zum Archidiakonat St. Peter und Alexander mit Sitz in Aschaffenburg. Dieses wiederum war dem Landkapitel Montat in Groß-Umstadt zugeordnet. Mehrere Landkapitel bildeten die Kirchenprovinz Mainz, die zwischen 780 und 782 gegründet wurde.
Damit lag der Mittelpunkt des kirchlichen Lebens für das gesamte Fischbachtal über Jahrhunderte in Groß-Bieberau.
Die Michaelskirche in Groß-Bieberau
Ein sehr alter kirchlicher Mittelpunkt
Wenn du die Geschichte der Michaelskirche betrachtest, blickst du weit zurück.
Die Kirche in Groß-Bieberau ist sehr alt. Die Wahl des Erzengels Michael als Kirchenpatron war insbesondere in der merowingisch-fränkischen Zeit verbreitet. Da Groß-Bieberau bereits 787 n. Chr. erstmals urkundlich erwähnt wird, besteht die Möglichkeit, dass auch der dortige Kirchplatz bereits eine sehr lange Geschichte besitzt.
Die erste Kirche an dieser Stelle dürfte vermutlich noch aus Holz bestanden haben. Später wurde sie während der romanischen Bauphase durch einen steinernen Bau ersetzt. Darauf weisen ältere Berichte über eine romanische Grundsubstanz hin.
Eine Kirche mit Schutzfunktion?
Die romanische Frühform der Michaelskirche war vermutlich eine Wehrkirche.
Wenn du heute in die Turmkammer schaust, kannst du noch die Reste einer ehemaligen Schießscharte entdecken. Bis 1829 war die Kirche außerdem von einer hohen Mauer umgeben. Diese umschloss auch den Bereich des heutigen Marktplatzes von Groß-Bieberau.
Vom Zeltdach zur Haube
Die Michaelskirche wurde im Laufe ihrer langen Geschichte immer wieder baulich verändert.
Besonders anschaulich lässt sich dieser Wandel am Kirchturm nachvollziehen. Er besaß vermutlich zunächst ein romanisches Zeltdach. Später erhielt er das steile Dach einer gotischen Kirche. Seit 1726 trägt der Turm schließlich die bis heute erhaltene Haubenform.
Ob es in Groß-Bieberau einst auch eine Klosteranlage gegeben hat, ist bis heute nicht eindeutig geklärt.
Kapellen im Fischbachtal
Wenn du dir das damalige kirchliche Leben vorstellst, solltest du nicht nur an die Michaelskirche denken. Über das Gebiet des Fischbachtals verteilt gab es verschiedene Kapellen und kleinere religiöse Stätten.
Überliefert werden unter anderem:
- eine Kapelle im Gemeindewald auf dem Weg nach Fränkisch-Crumbach
- die Jostkapelle im Wald bei Niedernhausen
- eine Kapelle im sogenannten „Heiligen Winkel“
- eine spätere Kapelle in Billings
- ein erwähntes „Gotteshäuschen“ im Bereich der späteren Brauerei Schönberger
- eine Kapelle in Lichtenberg, die bereits seit mindestens 1420 nachgewiesen ist.
Die Lichtenberger Kapelle war dem heiligen Peter geweiht und gilt als Vorläuferin der späteren Schlosskapelle. Für das Jahr 1420 ist dort ein Kaplan namens Heinrich überliefert.
Allerdings stand diese Kapelle offenbar hauptsächlich der Herrschaft von Lichtenberg und deren Hofstaat zur Verfügung. Für die übrige Bevölkerung war sie nicht allgemein zugänglich.

Der Weg zur Kirche
Für viele Menschen war der Kirchgang eine kleine Reise
Wenn du heute eine Kirche besuchen möchtest, ist der Weg meist schnell zurückgelegt. Für die Bewohner des oberen Fischbachtals sah das früher ganz anders aus.
Während die Menschen im unteren Fischbachtal einen vergleichsweise kurzen Weg zur Mutterkirche in Groß-Bieberau hatten, mussten die Bewohner von Niedernhausen, Lichtenberg, Billings, Steinau, Messbach und Nonrod einen deutlich weiteren Weg zurücklegen.
Die nahegelegenen Kapellen konnten zwar für bestimmte religiöse Zwecke aufgesucht werden, die wichtigsten kirchlichen Handlungen fanden dort jedoch nicht statt.
Für Taufen, Trauungen und Bestattungen, aber auch für das Abendmahl, musste man zur Mutterkirche nach Groß-Bieberau gehen. Auch der Friedhof befand sich dort. Bis 1797 lag er unmittelbar an der Michaelskirche; anschließend wurde er an seinen heutigen Standort vor den damaligen Ortseingang verlegt.
Kirche in Zeiten von Not und Krieg
In Not- und Kriegszeiten konnte der Weg nach Groß-Bieberau allerdings zu gefährlich sein.
Während der Pest wurden deshalb beispielsweise zahlreiche Tote rund um das Bollwerk in Lichtenberg bestattet.
Nach der Reformation
Für die Zeit nach der Reformation ist in Groß-Bieberau bereits 1520 mit Johannes Petermann beziehungsweise einem gewissen Pfarrer Fridericus einer der ersten evangelischen Pfarrer überliefert.
Doch noch lange blieb Groß-Bieberau das kirchliche Zentrum der Region.
Erst 1712 änderte sich die Situation für die Menschen im oberen Fischbachtal.

Die Schlosskapelle in Lichtenberg
Ein eigener Ort für den Gottesdienst
Im Jahr 1712 ließ Landgraf Ludwig V. von Hessen im Schloss Lichtenberg eine größere Kapelle in einem anderen Gebäudeteil einrichten.
Diese Kapelle stand nun auch den Bewohnern des oberen Fischbachtals offen. Damit rückte der Gottesdienst für viele Menschen deutlich näher.
Die Schlosskapelle blieb kirchlicher Mittelpunkt, bis in Niedernhausen eine eigene Kirche errichtet wurde.
1877 – das neue Kirchspiel Niedernhausen
Der lange Weg zur eigenen Kirchengemeinde
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde der Wunsch nach einer eigenen Pfarrstelle und einem eigenen Kirchspiel in Lichtenberg zunehmend stärker.
Am 1. Januar 1877 wurde das Kirchspiel Groß-Bieberau schließlich geteilt.
Dabei entstand das neue Kirchspiel Niedernhausen. Ihm wurden folgende Orte zugeordnet:
Niedernhausen · Lichtenberg · Billings · Steinau · Messbach · Nonrod
Bei Groß-Bieberau verblieben lediglich Rodau und die Hottenbach.
Eine eigene Kirche gab es in Niedernhausen zunächst noch nicht. Deshalb wurde die Schlosskapelle in Lichtenberg weitere 14 Jahre als Gotteshaus genutzt.

Die eigene Kirche in Niedernhausen
1889–1891: Vom Wunsch zur Wirklichkeit
Damit der neue Pfarrer angemessen untergebracht werden konnte, wurde zwischen 1879 und 1880 in Niedernhausen ein neues Pfarr- und Gemeindehaus errichtet. Dieses Gebäude wird noch heute genutzt.
Der erste Pfarrer des neuen Kirchspiels war Georg Noack.
Am 28. Februar 1889 beschloss der Kirchenvorstand schließlich den Bau einer eigenen Kirche.
Dann ging alles vergleichsweise schnell:
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1889 | Beschluss zum Bau der Kirche |
| 13. Mai 1890 | Grundsteinlegung |
| 31. Mai 1890 | Beginn der Bauarbeiten |
| 26. November 1891 | Einweihung der neuen Kirche |
Zur Einweihung verabschiedete sich die Kirchengemeinde zunächst mit einem Gottesdienst in der Lichtenberger Schlosskapelle. Anschließend zog sie gemeinsam zur neuen Kirche in Niedernhausen, wo die Einweihung gefeiert wurde.
Die Glocken der Kirche
Stimmen, die durch die Zeit tragen
Für die neue Kirche wurden drei Glocken bestellt. Sie wurden am 13. Juni 1891 von Andreas Hamm in Frankenthalgegossen und am 5. Juli desselben Jahres geweiht. Ihre Inschriften lauteten:
Dem Christenvolk zu harren
Allen Schaden zu wehren
Gott zu Ehren
Die Glocken überstanden den Ersten Weltkrieg unbeschadet.
Doch am 18. März 1942 wurden die beiden großen Glocken für kriegswichtiges Material eingeschmolzen. Sie kehrten nie wieder zurück.
Die kleine Glocke überstand glücklicherweise beide Weltkriege und befindet sich noch heute im Kirchturm.
Genau neun Jahre später, am 18. März 1951, konnten zwei neue Glocken feierlich eingeholt werden. Sie wurden von Hermann Hamm, einem Enkel des ursprünglichen Glockengießers Andreas Hamm, gegossen.
Ihre Inschriften erinnern an Krieg, Tod, Frieden und Hoffnung:
„Den Toten des Zweiten Weltkrieges 1939/45 – Christus spricht: Ich lebe und ihr sollt auch leben.“
und
„Mitten in diese Zeit rufe ich laut: Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden.“
Eine vierte Glocke zum 100. Geburtstag der Kirche
Am 21. Juni 1991 bekam das Glockenspiel erneut Zuwachs.
In der Glockengießerei Rimcker in Sinn bei Herborn wurde eine vierte Glocke gegossen. Sie wurde anlässlich des 100-jährigen Bestehens der Pfarrkirche gestiftet und trägt den Leitspruch:
„Gewidmet den Kindern und Frauen der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Niedernhausen – zur 100-Jahr-Feier der Pfarrkirche anno Domini 1991.“
Ergänzt wird die Inschrift durch den Bibelspruch:
„Meine Seele erhebt den Herrn.“
Die Glockenweihe fand am 6. Oktober 1991 statt.

Orgel und Turmuhr
Auch abseits der Glocken gibt es in der Niedernhäuser Kirche interessante Details zu entdecken.
Die Orgel stammt von der Firma Bechstein und konnte im Jahr 2004 ihr 100-jähriges Bestehen feiern.
Die Turmuhr wurde in Niedernhausen gefertigt. Ihr Erbauer war Georg Philipp Schuchmann (1844–1920), der bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein zu den Turmuhrmachern des Ortes gehörte.
Schuchmann war der Urgroßvater des ersten Bürgermeisters der Gemeinde Fischbachtal, Georg Röder (1922–1992).
Die Kirche heute
Bei einer späteren großen Renovierung wurde das ursprünglich 1959 ausgewechselte Fenster hinter dem Altar wieder eingesetzt.
Im Jahr 2004 wurden außerdem das Pfarrhaus und die Außenanlagen umfassend renoviert. Dadurch erhielt das Ensemble wieder ein besonders ansprechendes Erscheinungsbild.
Wenn du heute hierher kommst, findest du ein bemerkenswertes Ensemble aus:
Kirche · Kirchengarten · Kirchenpark · Pfarrhaus · Remise · Gemeindehaus
Teilweise wird das Ensemble noch von der alten Steinmauer umgeben.
Gerade dieses Zusammenspiel macht den Ort zu einer Besonderheit in unserer näheren Umgebung – und zu einem lohnenden Ziel für deinen nächsten Spaziergang.
Die Pfarrer von Niedernhausen
Seit der Gründung des Kirchspiels wirkten zahlreiche Pfarrer in Niedernhausen:
| Pfarrer | Amtszeit |
|---|---|
| Georg Ludwig Noack | 1878–1894 |
| Richard Vogt | 1895–1925 |
| Otto Flöring | 1927–1939 |
| Theodor Knodt | 1940–1955 |
| Karl Baumann | 1955–1973 |
| Jobst Bodensohn | 1973–1979 |
| Holger Mingram | 1979–1982 |
| Jobst Bodensohn | 1982–1983 |
| Horst Seyberth | 1983–1993 |
| Volker Truschel | 1993–2003 |
| Pfarrer Weber | 2003–2011 |
Besonders eng mit Niedernhausen verbunden blieben Pfarrer Karl Baumann und Pfarrer Richard Vogt. Beide fanden auf dem Friedhof in Niedernhausen ihre letzte Ruhe. Baumanns ehemaliges Anwesen in den Eckwiesen ist bis heute erhalten.
„s’Glecknersch“ – eine Familie mit besonderer Tradition
Wenn du dich mit der Geschichte der Niedernhäuser Kirche beschäftigst, darf eine Familie nicht fehlen: die Familie Boßler.
Sie prägte über Generationen das Amt des Glöckners und des Küfers. Im Volksmund wurde die Familie deshalb nur als „s’Glecknersch“ bezeichnet.
Ludwig Boßler erwarb 1892 das 1854 erbaute Haus direkt neben dem Pfarrhaus in Niedernhausen.
Die Verbindung der Familie mit dem Glöckneramt reichte jedoch noch weiter zurück: Bereits seit 1826 übte die Familie dieses Amt in der Schlosskapelle von Lichtenberg aus.
Ludwig Boßler war neben seiner Tätigkeit als Glöckner auch Schuhmacher. Sein Sohn Jakob Boßler führte beide Tätigkeiten ebenfalls weiter. Schließlich folgte auch noch sein Enkel dieser Familientradition.
Mit Ludwig Boßler endete diese besondere Tradition in der Niedernhäuser Kirche.

Eine Geschichte, die du heute noch entdecken kannst
Wenn du heute durch Niedernhausen gehst und die Kirche, das Pfarrhaus, den Kirchgarten oder die alten Mauern betrachtest, siehst du nicht nur Gebäude.
Du siehst Spuren einer Geschichte, die über Jahrhunderte gewachsen ist.
Vom alten Kirchspiel Groß-Bieberau über die Kapellen und die Lichtenberger Schlosskapelle bis zur Gründung des Kirchspiels Niedernhausen und dem Bau der eigenen Kirche erzählt dieser Ort davon, wie sich das kirchliche Leben im Fischbachtal verändert hat.
Nimm dir beim nächsten Besuch etwas Zeit. Schau dich um – und vielleicht entdeckst du dabei mehr Geschichte, als du zunächst vermutet hast.

