Als in Lichtenberg der Wein noch floss

Ein kleiner Streifzug durch Lichtenbergs vergessene Weinberge

Wenn du heute durch Lichtenberg im Fischbachtal spaziert, denkst du wahrscheinlich nicht als Erstes an Wein. Eher an Schloss Lichtenberg, den Odenwald, schöne Ausblicke – und vielleicht daran, wo es den nächsten Kaffee gibt.

Doch halt! Vor mehreren Jahrhunderten sah die Sache ganz anders aus. Damals gehörte der Weinbau ganz selbstverständlich zum Leben in Lichtenberg. Es wurde gepflanzt, gepflegt, gekeltert, gefüllt und getrunken. Und wenn man den alten Rechnungen Glauben schenken darf, dann war im Schlosskeller durchaus etwas los.

Wein im Schloss – und zwar nicht zu knapp

Stell dir Lichtenberg im Jahr 1580 vor. Das Schloss war gerade zu einer repräsentativen Renaissanceanlage ausgebaut worden, und im Keller standen zehn große Fässer. Zusammen fassten sie stolze 133 Fuder.

Das klingt zunächst nach einer Maßeinheit, bei der man froh sein kann, nicht beim Zollamt arbeiten zu müssen. Je nach Zeit und Ort konnte ein Fuder unterschiedlich groß sein. Für Lichtenberg wird mit ungefähr 1.000 Litern gerechnet. Wenn diese Rechnung stimmt, hätten die zehn Fässer also theoretisch rund 133.000 Liter aufnehmen können.

Da stellt sich natürlich die Frage: Wer sollte das alles trinken?

Die kurze Antwort lautet: wahrscheinlich nicht der Schlossherr allein.

Wein war damals nicht einfach nur ein Getränk für besondere Anlässe. Er gehörte zur Versorgung eines fürstlichen Haushalts und konnte auch gelagert, transportiert und an andere Orte gebracht werden. Ein gut gefüllter Keller war also weniger Zeichen von Maßlosigkeit als vielmehr eine Art historischer Vorratsspeicher – allerdings einer, bei dem die Vorräte deutlich angenehmer schmeckten als Mehl oder Hafer.

Wo Wein ist, darf die Kelter nicht fehlen

Damit aus Trauben Wein wurde, brauchte man natürlich mehr als gute Absichten. In Lichtenberg gab es deshalb ein eigenes Kelterhaus mit einer vollständigen Kelter.

Auch an die praktischen Dinge war gedacht. Zum Inventar gehörten Küferwerkzeug und sogar eine spezielle Leiter, mit der die Fässer in den Keller gebracht werden konnten.

Du siehst: Schon damals galt offenbar die Devise: Wenn das Fass voll ist, muss es irgendwie in den Keller.

Und wer einmal versucht hat, ein großes Weinfass eine Kellertreppe hinunterzubekommen, dürfte sehr schnell zu dem Schluss gekommen sein, dass eine gute Leiter eine ausgesprochen sinnvolle Investition ist.

1623: Neue Reben für Lichtenberg

Besonders spannend wird es im Jahr 1623. Damals wurden die Lichtenberger Weinberge neu angelegt.

Und zwar nicht mit drei Rebstöcken nach dem Motto „Schauen wir mal, ob das was wird“. Es wurden sage und schreibe 2.029 Rebpflanzen gesetzt.

Das ist eine Zahl, bei der man schon ein wenig Respekt bekommt. Schließlich musste jede einzelne Pflanze in den Boden, gepflegt und irgendwann einmal geerntet werden.

Die Kosten dafür sind ebenfalls überliefert: 9 Gulden, 19 Albus und 5 Pfennig.

Heute würde man vermutlich sagen: ein ordentliches Gartenprojekt.

Damals war es eine Investition in einen Wirtschaftszweig, der offensichtlich ernst genommen wurde.

Der Mann für den Wingert

Natürlich konnte man einen Weinberg nicht einfach sich selbst überlassen. Deshalb gab es in Lichtenberg einen Wingertmeister.

Der Begriff klingt heute ein wenig so, als wäre damit der Vorsitzende eines besonders geselligen Vereins gemeint. Tatsächlich war der Wingertmeister für die Bewirtschaftung und Pflege der Weinberge zuständig.

Und offenbar war dieser Beruf in Lichtenberg durchaus langlebig. Eine Liste der Wingertmeister reicht von 1589 bis 1801.

Mehr als zweihundert Jahre Weinbaugeschichte – und damit jede Menge Arbeit zwischen Rebstöcken, Fässern und Ernte.

Außerdem gab es einen Hausküfer. Der kümmerte sich um die Fässer und alles, was mit deren Herstellung und Instandhaltung zu tun hatte.

Denn eines war schon damals klar: Ein guter Wein ist nur halb so viel wert, wenn er anschließend aus einem undichten Fass wieder herausläuft.

Der Wein musste auch nach Darmstadt

Dass der Lichtenberger Wein nicht nur vor Ort getrunken wurde, zeigt ein Eintrag aus dem Jahr 1682.

Damals werden 26 Fässer mit unterschiedlichen Größen sowie sieben weitere kleinere Fässer erwähnt. Sechs dieser Fässer wurden noch im selben Jahr nach Darmstadt gebracht.

Der Wein aus Lichtenberg war also durchaus mobil.

Man könnte sagen: Lange bevor es Lieferdienste und Paketverfolgung gab, wurde schon Wein aus dem Odenwald in Richtung Darmstadt transportiert.

Ob die damaligen Empfänger dabei ungeduldig auf ihre Lieferung gewartet haben, ist leider nicht überliefert.

Auch die Bürger mussten mit anpacken

Weinbau war außerdem eng mit den Pflichten der örtlichen Bevölkerung verbunden.

Für die Bürger von Hausen und Lichtenberg ist überliefert, dass sie unter anderem dazu verpflichtet waren, den Wein des Amtmanns aus dem Keller zu „schrotten“. Gemeint waren Arbeiten bei der Verarbeitung der Trauben.

Das klingt heute vielleicht nach einer etwas merkwürdigen Bürgerpflicht. Man kann sich aber vorstellen, dass die Arbeit rund um die Weinernte damals ziemlich handfest war.

Von romantischem Herbstspaziergang zwischen goldenen Reben konnte jedenfalls keine Rede sein. Weinbau bedeutete: anpacken, schleppen, pressen, reinigen – und vermutlich hinterher ordentlich aufräumen.

Und dann wurde es schwieriger

Doch warum gibt es heute in Lichtenberg keine großen Weinberge mehr?

Genau lässt sich das anhand der Quellen nicht für jedes einzelne Jahr nachvollziehen. Sicher ist jedoch, dass der Weinbau in vielen Regionen nördlich der klassischen Weinbaugebiete im Laufe der Zeit schwieriger wurde.

Auch klimatische Veränderungen während der sogenannten Kleinen Eiszeit spielten eine Rolle. Dazu kamen wirtschaftliche Veränderungen und die Konkurrenz anderer Anbauprodukte.

Was einst selbstverständlich gewesen war, verschwand nach und nach aus dem Landschaftsbild.

Die Reben verschwanden – die Erinnerung blieb.

Ein Weinbaugebiet, das kaum noch einer kennt

Heute ist Lichtenberg vor allem für sein Schloss und seine Landschaft bekannt. Dass hier über Jahrhunderte Wein angebaut wurde, dürfte dagegen viele überraschen.

Dabei erzählen die alten Rechnungen eine erstaunlich lebendige Geschichte.

Du kannst dir beim nächsten Spaziergang durch Lichtenberg also ruhig einmal vorstellen, wie es hier früher ausgesehen haben könnte: Rebstöcke an den Hängen, Menschen bei der Arbeit im Wingert, Trauben in Körben, die Kelter im Einsatz – und irgendwo im Schloss ein Keller voller Fässer.

Vielleicht gehst du dabei sogar mit etwas anderen Augen durch den Ort.

Denn wer weiß: Unter der heutigen Landschaft schlummert womöglich noch die Erinnerung an einen Weinberg, der längst verschwunden ist.

Und wenn du am Schloss vorbeikommst, kannst du dir zumindest gedanklich ein Glas Lichtenberger Wein einschenken.

Aber Vorsicht: Der historische Jahrgang ist leider ausverkauft.

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