Zur Sommerfrische nach Lichtenberg
Wenn du heute durch Lichtenberg gehst, kannst du dir kaum vorstellen, wie viele Gasthäuser, Pensionen und Hotels es hier einst gab. Dabei kamen schon früh Reisende und Besucher in den Ort. Das Schloss, die hier angesiedelten Amtsgeschäfte und die Bedeutung Lichtenbergs als Verwaltungszentrum sorgten dafür, dass Menschen aus der näheren und weiteren Umgebung hier einkehrten.
So entstanden bereits früh mehrere Gasthäuser – erstaunlich viele für einen Ort von der Größe Lichtenbergs. Im Laufe der Zeit veränderte sich ihre Funktion: Aus einfachen Wirtshäusern wurden Pensionen und Hotels, und mit der aufkommenden Sommerfrische entwickelte sich Lichtenberg zu einem beliebten Erholungsort im Odenwald.
Lichtenbergs alte Gasthäuser
Schon lange bevor der Fremdenverkehr zum Wirtschaftsfaktor wurde, kamen Reisende nach Lichtenberg. Mehrere Gasthäuser lagen rund um die Burg und später das Schloss.
„Güldener Engel“ · „Zum güldenen Löwen“ · „Zum Stern“
Aus einigen dieser alten Gasthäuser entwickelten sich im Laufe der Zeit Pensionen und Hotels. Ihre Geschichte spiegelt damit auch die Entwicklung Lichtenbergs vom Amts- und Burgort zum Urlaubsziel wider.
Die ersten Gasthäuser
Eines der ältesten Gasthäuser war der „Güldene Engel“, dessen Geschichte sich bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen lässt. Bis ins frühe 20. Jahrhundert bestand der Betrieb. Er befand sich ungefähr an der Stelle des heutigen Anwesens der Familie Vierheller – gegenüber der späteren und inzwischen ebenfalls geschlossenen Gaststätte „Schloss Lichtenberg“.
Auch die Geschichte dieser Gaststätte reicht bis ins 17. Jahrhundert zurück. Damals wurde sie unter dem Namen „Zum güldenen Löwen“ erwähnt. Seit den 1930er-Jahren befand sie sich im Besitz der Familie Schanz. Deshalb nannten die Lichtenberger das Gasthaus häufig schlicht „Schanz“.
Im Laufe seiner Geschichte wechselte das Gasthaus mehrfach seinen Namen. Es wurde unter anderem „Burg Lichtenberg“, „Linde“ und schließlich „Schloss Lichtenberg“ genannt.
Wo lagen die Gasthäuser?
Die Lage der alten Gasthäuser kannst du dir anhand der ehemaligen Burganlage gut vorstellen:
Innerhalb der Burganlage:
🍺 „Güldene Engel“
🦁 „Zum güldenen Löwen“Vor dem Äußeren Tor:
⭐ „Zum Stern“Damit lagen die Gaststätten unmittelbar dort, wo Reisende, Händler, Amtsbesucher und andere Gäste in Lichtenberg ankamen und weiterzogen.
Das Gasthaus Georg Schanz
Schräg gegenüber befindet sich heute das Institut für funktionales Stimmtraining. Auch dieses imposante Gebäude war früher eine Gaststätte: das Gasthaus Georg Schanz.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde es von einem Mitglied der bereits erwähnten Familie Schanz gegründet. Doch schon 1913 geriet das Haus in finanzielle Schwierigkeiten.
Schließlich übernahm es die Familie Schellhaas, die direkt gegenüber die Pension „Zur schönen Aussicht“ betrieb. Sie gliederte das Gasthaus in ihren eigenen Betrieb ein und führte es fortan als „Pension Schellhaas“.
Während des Ersten Weltkriegs wurde das Gebäude unter anderem als Genesungsheim für Kriegsinvalide genutzt. Im örtlichen Sprachgebrauch blieb deshalb auch die Bezeichnung „Kasern“ erhalten.
Der „Stern“ und die „Schöne Aussicht“
Die Geschichte der Schellhaas’schen Gastbetriebe reicht noch weiter zurück. Ihren Ursprung hat sie im ehemaligen Gasthaus „Zum Stern“, das unmittelbar vor dem einstigen Äußeren Tor der Burganlage lag.
Wenn du dir die damalige Situation vor Augen führst, wird die Bedeutung der Lage schnell deutlich: Wer zur Burg beziehungsweise später zum Schloss wollte, kam an den Gasthäusern vorbei. Während sich der „Güldene Engel“ und der „Zum güldenen Löwen“ innerhalb der Burganlage befanden, lag der „Stern“ unmittelbar davor.
Seine große Zeit begann zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der „Stern“ trug inzwischen den Namen „Zur schönen Aussicht“ und profitierte von einer Entwicklung, die den gesamten Odenwald erfasste: Immer mehr Menschen entdeckten die Region als Ziel für ihre Sommerfrische.
Was bedeutet „Sommerfrische“?
Wenn du heute von Urlaub sprichst, denkst du wahrscheinlich an eine Reise in ein fernes Land oder an einen längeren Aufenthalt. Um 1900 war Urlaub für viele Menschen noch etwas Besonderes.
Die Sommerfrische bedeutete vor allem, während der warmen Monate für einige Tage oder Wochen die Stadt zu verlassen und Erholung in einer ländlichen Umgebung zu suchen.
Gesucht wurden:
🌳 Natur und frische Luft
🥾 Bewegung und Wandern
🌤️ Ruhe und Erholung
🏡 ein angenehmer Aufenthalt fern vom AlltagDer Odenwald bot dafür ideale Voraussetzungen – und Lichtenberg profitierte davon ganz besonders.
Der wachsende Wohlstand ermöglichte es immer mehr Menschen, dem Alltag zumindest vorübergehend zu entfliehen. Davon profitierte auch Lichtenberg – und ganz besonders der Gastbetrieb der Familie Schellhaas, der bereits 1890begründet worden war.
Vom Fachwerkhaus zum Hotel
Auf alten Ansichtskarten kannst du die baulichen Veränderungen am ehemaligen „Stern“ besonders gut nachvollziehen. Zunächst siehst du dort noch das ursprüngliche Fachwerkhaus. Später kamen ein Balkon und ein weiteres, zunächst flachdachiges Geschoss hinzu.
Auch der neue Anbau erhielt zunächst ein Flachdach. Erst später bekam das Gebäude sein charakteristisches Giebeldach.
Die Entwicklung des Hauses zeigt damit sehr anschaulich, wie sich die Architektur an die wachsenden Ansprüche des Fremdenverkehrs anpasste. Mehr Gäste bedeuteten mehr benötigte Zimmer – und damit musste auch das Gebäude immer wieder erweitert werden.

Die Familie Schellhaas war bereits 1806 mit Johann Peter Schellhaas aus Rodau nach Lichtenberg gekommen. Von Anfang an waren die Schellhaas sowohl Wirte als auch Bäcker.
Mit ihrem Gasthaus „Zur schönen Aussicht“ bewiesen sie offenbar ein gutes Gespür für die Wünsche ihrer Gäste. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das Fachwerkgebäude erweitert.
Um 1908 warb das Hotel mit einem großen Schild, auf dem zwei Hasen abgebildet waren, um Gäste. Der Andrang nahm zu. Immer mehr „Sommerfrischler“ suchten Ruhe und Erholung im Odenwald.
So wurde das Gebäude bereits im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts erneut erweitert. Das bisherige Flachdach wurde durch ein neues Dach ersetzt. Dadurch entstand zusätzlicher Raum für Gäste.
1913 übernahm die Familie Schellhaas außerdem den gegenüberliegenden Gastbetrieb des Georg Schanz. Damit verfügte sie nun über zwei Häuser.
Der Wandel zeigt: Aus dem traditionellen Wirtshaus entwickelte sich Schritt für Schritt ein moderner Beherbergungsbetrieb für die wachsende Zahl der Sommerfrischler.
Lichtenberg wird zum Urlaubsort
Der Fremdenverkehr entwickelte sich zunehmend zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor. 1926 ließ die Familie Schellhaas sogar ein eigenes Schwimmbad für ihre Gäste errichten.
Das Schwimmbad existiert noch heute und wird von der Gemeinde Fischbachtal als Naturschwimmbad genutzt.

Der wachsende Fremdenverkehr brachte auch Arbeitsplätze und zusätzliche Verdienstmöglichkeiten. Viele Menschen fanden in der Gastronomie oder in den damit verbundenen Bereichen Beschäftigung. In den 1930er-Jahren gab es in Lichtenberg sogar eine Tankstelle.
Der Andrang der Gäste war inzwischen so groß, dass auch das Schloss Lichtenberg in die touristische Nutzung einbezogen wurde. Die Hoteliersfamilie pachtete das Schloss und richtete im Westflügel zusätzliche Fremdenzimmer ein.
Damit war Lichtenberg endgültig zu einem beliebten Ziel für Erholungssuchende geworden.
Urlaub mit Schwimmbad
1926 ließ die Familie Schellhaas ein eigenes Schwimmbad für ihre Gäste bauen.
Für die damalige Zeit war das ein bemerkenswertes Angebot. Der Urlaub sollte nicht mehr nur aus Übernachtung und Verpflegung bestehen. Freizeit, Bewegung und Erholung wurden immer wichtiger.
Das Besondere: Das ehemalige Schwimmbad ist bis heute erhalten und wird heute als Naturschwimmbad genutzt.
Ein Hotelprospekt aus dem Jahr 1937
Wie komfortabel ein Aufenthalt damals beworben wurde, kannst du besonders gut an einem Hotelprospekt aus dem Jahr 1937 erkennen.
Das Haus wurde als ganzjährig geöffnetes Hotel beschrieben. Die Fremdenzimmer waren teilweise mit fließendem kaltem und warmem Wasser ausgestattet und verfügten über Zentralheizung.
Besonders hervorgehoben wurden die ruhige Lage und der Blick über das Fischbachtal auf die bewaldeten Höhen. Die Gäste konnten ihre Mahlzeiten gemeinsam im Gasthof einnehmen.
Auch die übrige Ausstattung wurde ausführlich beworben: gemütliche Gesellschafts- und Speiseräume, eine geschlossene Veranda sowie Sitzgelegenheiten im Freien. Bei der Küche versprach man eine „erstklassige und abwechslungsreiche“Verpflegung.
Was kostete ein Urlaub 1937?
Der Prospekt erlaubt dir auch einen interessanten Blick auf das damalige Preisniveau.
Urlaubspreise 1937
Vor- und Nachsaison: 4,00 Mark
Juli und August: 4,50 Mark
Zimmer mit kaltem und warmem Wasser: + 0,50 Mark pro Tag
Trinkgeldablösung: 10 %Im Preis enthalten: Vollpension einschließlich Zimmer und Licht.
Die Preise wirken aus heutiger Sicht erstaunlich niedrig. Du solltest sie allerdings nicht direkt mit heutigen Hotelpreisen vergleichen. Auch die Einkommen waren damals wesentlich geringer. Außerdem handelte es sich um Vollpension – Unterkunft und Verpflegung waren bereits eingeschlossen.
Vom Erholungsheim zurück zum Hotel
Während des Zweiten Weltkriegs änderte sich die Nutzung des Hauses. Das Kurhotel wurde zu einem Erholungsheimumgewandelt und gelangte schließlich in den Besitz der damaligen Deutschen Arbeitsfront.
Nach dem Krieg übernahm die Familie Schellhaas noch einmal die Geschicke des Hauses und nahm den Hotelbetrieb wieder auf.
Ein Hausprospekt aus den 1950er-Jahren zeigt dir, wie sich das Hotel nun präsentierte. Wieder wurden die ruhige Lage fernab von Lärm und Verkehr, die gute Erreichbarkeit und die reizvolle Landschaft hervorgehoben.
Das Hotel bot inzwischen moderne Zimmer mit Privatbädern und weiteren Annehmlichkeiten. Für die Gäste standen außerdem zahlreiche Freizeitangebote bereit.
Dazu gehörten ein Spielplatz für Boccia, Federball, Ringtennis und Tischtennis sowie ein eigener Kurgarten. Von dort aus konnten die Gäste den Blick über das Fischbachtal genießen.

Auch darüber hinaus war für Unterhaltung gesorgt: Wanderungen, Ausflüge, Angeln und Krebsefangen, Reiten sowie regelmäßige Busfahrten zu Sehenswürdigkeiten und ins Kino gehörten zum Angebot.
Eine eigene Hotelbar, die sogenannte „Binsenbar“, bot zusätzliche Unterhaltung, ohne die Ruhe der übrigen Hotelgäste zu beeinträchtigen.
Urlaub in den 1950er-Jahren
Wenn Du den Hotelprospekt aus den 1950er-Jahren liest, erkennst du, wie vielfältig ein Urlaub inzwischen geworden war:
🥾 Wanderungen
🚌 Ausflüge
🎣 Angeln
🐎 Reiten
🎾 Sport und Spiele
🏊 Schwimmen
🍸 „Binsenbar“
🎬 Fahrten ins KinoLichtenberg bot seinen Gästen damit weit mehr als nur Unterkunft und Verpflegung.
Die Preise im Jahr 1955
Auch aus dem Jahr 1955 sind die Preise des Hotels überliefert.
Hotelpreise 1955
Unterkunft Preis Einzelzimmer 4,50–7 DM Einzelzimmer mit Bad 10 DM Doppelzimmer 10–14 DM Doppelzimmer mit Bad 18 DM Vollpension 9–12 DM pro Person/Tag Zimmer mit Bad und Vollpension 15 DM Die Vollpension umfasste Übernachtung, Frühstück, Mittag- und Abendessen.
Bei einem Aufenthalt von weniger als fünf Tagen wurde ein Zuschlag erhoben. Für Kinder unter zehn Jahren galten besondere Vereinbarungen. Hinzu kamen 10 % Bedienungszuschlag sowie eine Höhenluftkurtaxe.
Das Café Wichmann und das Ende der großen Hotelzeit
In dieser Zeit entstand am anderen Ende Lichtenbergs ein weiteres beliebtes Ausflugsziel: das Café Wichmann.
Der Betreiber Paul Wichmann hatte zuvor als Geschäftsführer bei Schellhaas gearbeitet. Sein eigenes Café führte er bis in die 1960er-Jahre.
Doch die Zeiten änderten sich. Der klassische Fremdenverkehr im Odenwald geriet zunehmend unter Druck. Urlaubsreisen wurden für immer mehr Menschen erschwinglich, und die Reiseziele veränderten sich.
Auch in Lichtenberg begann damit eine neue Epoche.
Bereits 1958 wurde das Haus Schellhaas an Max Siebert verkauft. Er machte daraus das Hotel „Maxsie“.
Das Hotel „Maxsie“
Das „Maxsie“ entwickelte sich für einige Zeit zum führenden Hotel in Lichtenberg.
Das Haus verfügte über ein eigenes Schwimmbad, dessen Reste du noch heute hinter dem Gebäude erkennen kannst, sowie über eine eigene Minigolfanlage.
Auch die Binsenbar erfreute sich weiterhin großer Beliebtheit.
Zu den Gästen des Hotels gehörten sogar bekannte Persönlichkeiten. Der Sänger Billy Mo, bekannt durch den Schlager „Ich kauf mir lieber einen Tiroler Hut“, soll beispielsweise im „Maxsie“ übernachtet haben.
Doch auch die neuen Besitzer konnten den langfristigen Niedergang des Hauses nicht aufhalten.
Nach der Familie Siebert übernahm die Familie Otto Pahns den Betrieb. Das Hotel wurde nun als „Kurhotel – ehem. Maxsie“ bezeichnet und entwickelte sich zum Kneippkur- und Luftkurhotel.
Im Volksmund blieb der Name „Maxsie“ jedoch erhalten.
Das Ende des Hotels
Das „Maxsie“ bestand noch einige Jahre, stand schließlich aber in den 1980er-Jahren leer. Nach einem Brand wurde das Gebäude bis auf die Kellergewölbe abgetragen.
Später befand sich das Grundstück im Besitz der Familie Schanz – jener Familie, die einst auch die Gaststätte „Schloss Lichtenberg“ betrieben hatte.
Im 21. Jahrhundert wurde das Grundstück an das Lichtenberger Institut veräußert, zusammen mit dem Grundstück der ehemaligen Gaststätte „Schloss Lichtenberg“. Damit waren die beiden Grundstücke der einstigen Schellhaas’schen Betriebe wieder in einer Hand.
Eine Zeit lang fanden auf der Fläche über den erhaltenen Kellergewölben noch Stände des Adventsmarktes der Gemeinde Fischbachtal ihren Platz.Ein Stück Lichtenberger Geschichte.
Und was ist davon noch zu entdecken?
Wenn du heute durch Lichtenberg gehst, findest du keines der einst so zahlreichen Gasthäuser mehr, die das Ortsbild über Jahrzehnte geprägt haben.
Und doch sind ihre Spuren noch überall zu entdecken – in alten Gebäuden, Kellergewölben, Ansichtskarten, Prospekten, Geschichten und Erinnerungen.
Die Geschichte der Lichtenberger Gasthäuser erzählt deshalb weit mehr als nur von Essen und Übernachtungen. Sie erzählt davon, wie sich ein kleiner Odenwaldort vom Burg- und Amtsort zum beliebten Ziel für Sommerfrischler entwickelte.
Du erfährst dabei auch viel über die Menschen, die hinter dieser Entwicklung standen: über Familien, die über Generationen hinweg als Wirte und Gastgeber arbeiteten, über neue Arbeitsplätze und zusätzliche Verdienstmöglichkeiten, über den wirtschaftlichen Aufschwung – aber auch über den Wandel des Fremdenverkehrs und das allmähliche Ende einer großen Zeit.
Wenn du heute auf den Spuren dieser alten Gasthäuser durch Lichtenberg gehst, kannst du deshalb an vielen Stellen noch erahnen, wie lebendig der Ort einst als Sommerfrische im Odenwald war.


