Der Berghof in Nonrod
Wenn Du heute nach Nonrod kommst, kannst Du Dir kaum noch vorstellen, dass der kleine Ort einst eine beachtliche Bedeutung für den Fremdenverkehr im Fischbachtal hatte. Ähnlich wie Lichtenberg blickt auch Nonrod auf eine lange Tradition als Sommerfrische und Erholungsort zurück.
Im Mittelpunkt dieser Geschichte stand über viele Jahrzehnte ein Haus, das weit über die Grenzen des Ortes hinaus bekannt war: der Berghof.
Seinen eigentlichen Ursprung findest Du gleich am Ortseingang. Das erste Haus auf der rechten Seite steht noch heute nahezu an derselben Stelle und erinnert in seiner ursprünglichen Form an längst vergangene Zeiten. Es war die einstige Pension Waldeck – der Ausgangspunkt der Geschichte des späteren Berghofs.
Von der Pension Waldeck zum Berghof
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wagten die damaligen Besitzer einen großen Schritt. Hinter dem ursprünglichen Gebäude entstand ein großzügiger Neubau mit zwei markanten Balkonträgern. Auf der historischen Aufnahme weiter unten kannst Du diese Erweiterung noch gut erkennen.
Zunächst wurde der Name Pension Waldeck offenbar beibehalten. Doch die Zeiten waren günstig: Die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts brachten dem Odenwald einen regelrechten Aufschwung im Fremdenverkehr.
Diese Zeit wird nicht ohne Grund häufig als die „goldene Zeit“ der Sommerfrische bezeichnet.
Vor allem aus den Städten Darmstadt und Frankfurt kamen zahlreiche Menschen in den Odenwald, um dem Lärm, der Enge und dem Alltag der wachsenden Städte für einige Tage oder Wochen zu entkommen. Sie suchten Ruhe, frische Luft, Natur und Erholung.

Heute ist es für Dich selbstverständlich, für ein paar Tage ein Flugzeug zu nehmen und irgendwo weit entfernt Urlaub zu machen. Damals sah das ganz anders aus. Pauschalreisen, Flugreisen und Fernurlaube waren für die meisten Menschen keine Option. Der Urlaub begann häufig schon wenige Kilometer vor der eigenen Haustür.
Der Odenwald lag für die Menschen im Rhein-Main-Gebiet und in Darmstadt geradezu ideal.
Und so entstanden überall neue Pensionen, Gasthäuser und Hotels. Kleine Orte, die zuvor vor allem von Landwirtschaft und Handwerk geprägt waren, entdeckten den Fremdenverkehr als neue Einnahmequelle.
Auch im Fischbachtal entwickelte sich dieser Bereich prächtig. Lichtenberg und Nonrod wurden zu den beiden eigentlichen Hochburgen des Fremdenverkehrs in der Gemeinde. Während in Lichtenberg vor allem die bekannten Schellhaas’schen Betriebe für Gäste sorgten, spielte in Nonrod die Pension Waldeck eine zentrale Rolle.
Das Haus wächst mit seinen Gästen
Dass die Pension Waldeck in diesen Jahren gut lief, lässt sich auch an der baulichen Entwicklung des Hauses erkennen.
Zwischen 1910 und 1920 wurde das Gebäude nochmals erheblich erweitert – um ungefähr ein Drittel seiner ursprünglichen Größe. Der große Anbau verlieh dem Haus nun endgültig das Aussehen, das viele ältere Nonroder noch vor Augen hatten.
Du kannst Dir gut vorstellen, wie das Leben hier einst ausgesehen haben muss: Gäste aus der Stadt, die ihre Ferien im Odenwald verbrachten, Spaziergänge durch die Wälder und über die Höhenzüge, gesellige Abende und natürlich gutes Essen und Trinken.
Für Nonrod bedeuteten diese Besucher nicht nur Leben im Ort. Der Fremdenverkehr brachte auch Arbeit und Einkommen. Zimmer mussten hergerichtet, Gäste bewirtet und Lebensmittel beschafft werden. Der Aufenthalt der Sommerfrischler wurde damit zu einem wichtigen Bestandteil des örtlichen Lebens.

Aus Waldeck wird Berg
Irgendwann in den 1920er-Jahren änderte sich der Name des Hauses.
Aus der Pension Waldeck wurde die Pension Berg.
Der neue Name war durchaus naheliegend, denn die Betreiberfamilie trug schon seit langer Zeit den Namen Berg. Der Familienname wurde damit gewissermaßen zum Markenzeichen des Hauses.
Im Laufe der Jahrzehnte tauchten allerdings verschiedene Namen von Besitzern und Betreibern auf. Auf Berg folgten unter anderem Lothammer und Friedhof, bevor der Name Berg wieder auftauchte.
Für Dich ist diese wechselvolle Geschichte heute vielleicht nur eine kleine Randnotiz. Damals aber bedeutete ein Betreiberwechsel oft auch Veränderungen im Angebot, im Erscheinungsbild und im Ruf eines Hauses.
Und der Name sollte sich schließlich noch einmal ändern.
Aus der Pension wurde der Berghof.
Die großen Zeiten des Berghofs
Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte es der Fremdenverkehr zunächst deutlich schwerer. Die großen Zeiten der Sommerfrische waren vorbei, und auch die Ansprüche der Urlauber veränderten sich.
Trotzdem blieb der Berghof ein wichtiger Treffpunkt in Nonrod.
Die Besitzer und Pächter wechselten nun häufiger. Das Haus wurde mehrfach verändert und umgebaut. Ein weiterer Anbau kam hinzu und irgendwann erhielt der Berghof sogar zwei Kegelbahnen.
Damit bot sich eine zusätzliche Attraktion, die vor allem für Einheimische und Gäste interessant war. Kegeln gehörte damals zu den beliebten Freizeitbeschäftigungen und konnte einen Gasthof zu einem richtigen gesellschaftlichen Mittelpunkt machen.
Doch auch der Berghof musste sich immer wieder neu erfinden.
Ein letzter großer Aufschwung
Mit dem Beginn der 1990er-Jahre schien für den Berghof zunächst noch einmal eine neue Zeit anzubrechen.
Ein neuer Besitzer übernahm das Haus und ließ es umfassend renovieren. Für kurze Zeit sah es so aus, als könne der Berghof an seine frühere Bedeutung anknüpfen.
Und tatsächlich: Das Haus blühte noch einmal auf.
An den Wochenenden wurde Tanzmusik gespielt. Menschen kamen zusammen, trafen Freunde und Bekannte und verbrachten hier ihre Abende. Für einen Moment schien der Berghof wieder zu dem zu werden, was er viele Jahrzehnte zuvor gewesen war: ein lebendiger Mittelpunkt des Ortes.
Doch auch diese Phase sollte nicht von Dauer sein.
Nachdem das Glück den neuen Besitzer wieder verlassen hatte, wechselten erneut Besitzer und Pächter. Die Nutzung des Hauses veränderte sich mehrfach. Zeitweise wurden sogar Asylsuchende im Gebäude untergebracht.
Später lief der Betrieb noch einmal recht ordentlich. Doch die großen Zeiten waren endgültig vorbei.

Das Ende
Dann kam die Nacht, die das Schicksal des Berghofs endgültig besiegelte.
Ein großer Brand zerstörte den zwischen 1910 und 1920 errichteten Gebäudeteil weitgehend. Was vom einst stolzen Haus übrig blieb, war nur noch ein Schatten seiner früheren Gestalt.
Damit begann der endgültige Niedergang.
Die Ruine stand lange Zeit in Nonrod und erinnerte noch an eine Epoche, in der der Ort vom Fremdenverkehr geprägt worden war. Es gab verschiedene Ideen und Pläne, was mit dem Gebäude geschehen könnte. Immer wieder wurde über eine neue Nutzung oder einen Wiederaufbau nachgedacht.
Doch keiner dieser Pläne wurde Wirklichkeit.
Der Berghof blieb eine Ruine.
Mit jedem weiteren Jahr verfiel das Gebäude ein Stück mehr. Was einst ein Ort der Erholung, des Tanzes, des geselligen Beisammenseins und der Begegnung gewesen war, wurde schließlich selbst zum Zeugnis einer vergangenen Zeit.
Im März 2008 war es dann endgültig soweit.
Das traditionsreiche Gebäude wurde vollständig abgetragen.
Damit verschwand nicht nur ein altes Haus aus dem Ortsbild. Mit dem Berghof ging auch ein Stück Nonroder Geschichte verloren.
Eine Erinnerung an eine vergangene Zeit
Wenn Du heute durch Nonrod gehst, findest Du den Berghof nicht mehr. Wo früher Gäste ankamen, Kegel rollten, Tanzmusik erklang und Menschen ihre Ferien verbrachten, erinnert heute kaum noch etwas an das einstige Gebäude.
Und doch lebt seine Geschichte weiter.
Die alten Bilder erzählen von einem Nonrod, das Du heute nur noch schwer vor Augen haben kannst. Sie erinnern an die Zeit der Sommerfrische, an die ersten Gäste aus Darmstadt und Frankfurt, an die Pension Waldeck, die Pension Berg und schließlich an den Berghof.
Sie erzählen aber auch von einem Stück ganz normaler Dorfgeschichte: von Familien, Besitzern und Pächtern, von Umbauten und neuen Ideen, von guten und schlechten Zeiten – und schließlich vom Ende.
Vielleicht ist gerade das der Grund, warum sich ein Blick zurück lohnt.
Denn wenn Du heute am ehemaligen Standort des Berghofs vorbeikommst, siehst Du vielleicht nur einen Platz in Nonrod.
Mit dem Wissen um seine Geschichte kannst Du dort aber noch etwas anderes erkennen:
den Ort, an dem einst eines der bekanntesten Häuser des Fischbachtals stand – und an dem über viele Jahrzehnte ein Stück Nonroder Leben stattfand.
Diese kleine Geschichte und die historischen Bilder auf dieser Seite sollen deshalb vor allem eines bewahren: die Erinnerung an die einst große Zeit des Berghofs in Nonrod.


