Landwirtschaft in Niedernhausen

Stell dir vor, du lebst auf einem Bauernhof im Odenwald

Stell dir vor, du wachst an einem frühen Sommermorgen in Niedernhausen auf. Es ist noch dämmrig. Im Stall warten die Kühe, draußen krähen die Hähne. Du hörst vielleicht schon die ersten Geräusche aus den Nachbarhöfen. Der Tag beginnt früh – nicht weil die Uhr es vorgibt, sondern weil die Arbeit wartet.

Wenn du Bauer bist, weißt du: Heute wird gemäht.

Wenn du Kleinbauer bist, musst du deine eigene Wiese schaffen und vielleicht später noch bei einem größeren Bauern helfen.

Wenn du nur eine Ziege und ein kleines Stück Land besitzt, musst du zusätzlich irgendwo Geld verdienen.

Und wenn du ein Kind bist, weißt du ebenfalls, dass du gebraucht wirst.

So könnte ein Tag in Niedernhausen vor mehr als hundert Jahren begonnen haben.


Das Dorf, in dem du lebst

Wenn du dir Niedernhausen im 17., 18. oder 19. Jahrhundert vorstellst, darfst du dir kein Dorf vorstellen, wie du es heute kennst.

Die Häuser stehen enger zusammen. Hinter deinem Haus befinden sich Garten, Stall und Scheune. Außerhalb des Orts liegen Wiesen und Äcker. Dahinter beginnt der Wald.

Du lebst nicht nur in deinem Haus. Du bist Teil einer Dorfgemeinschaft, in der fast jeder Mensch irgendwie mit der Landwirtschaft verbunden ist.

Vielleicht besitzt deine Familie einen größeren Hof.

Vielleicht bist du Kleinbauer.

Vielleicht hast du nur einen Garten, ein kleines Stück Ackerland und eine Ziege.

Vielleicht besitzt du überhaupt kein eigenes Land und arbeitest als Tagelöhner.

Trotzdem brauchst du die anderen.

Das ist das Entscheidende, wenn du das alte Niedernhausen verstehen willst.


Wenn du im 17. Jahrhundert in Niedernhausen lebst

Stell dir vor, du lebst um 1650.

Der Dreißigjährige Krieg liegt noch nicht lange zurück. Die Folgen sind überall spürbar. Das Leben ist unsicher, und eine schlechte Ernte kann für deine Familie sehr ernsthafte Folgen haben.

Du produzierst zunächst für dich selbst.

Du baust Getreide an.

Du hältst Tiere.

Du hast einen Garten.

Du sammelst Holz.

Was du nicht selbst herstellen kannst, musst du kaufen oder eintauschen.

Geld besitzt du nicht im Überfluss.

Deshalb ist dein Acker für dich mehr als ein Stück Land. Er ist deine Lebensversicherung.

Wenn du genug erntest, hast du Brot.

Wenn die Wiesen genug Heu liefern, kannst du deine Tiere über den Winter bringen.

Wenn deine Tiere gesund bleiben, hast du Milch, Fleisch oder Eier.

Wenn etwas schiefgeht, wird es schwierig.

Grafik Landwirtschaft in Niedernhausen, AI generated

Dein Arbeitstag beginnt mit den Tieren

Egal, ob du ein großer oder kleiner Bauer bist: Deine Tiere warten jeden Morgen auf dich.

Du gehst in den Stall.

Du fütterst die Kühe.

Du versorgst Schweine und Geflügel.

Du holst Wasser.

Du entfernst den Mist.

Im Winter fütterst du mit dem Heu, das du im Sommer eingebracht hast.

Du kannst nicht einfach sagen: Heute habe ich keine Lust.

Die Tiere müssen jeden Tag versorgt werden.

Auch deine Frau arbeitet von früh bis spät.

Sie kümmert sich um Haushalt, Kinder, Garten und Tiere. Sie verarbeitet Milch, bereitet Lebensmittel zu, kocht, wäscht und hilft gleichzeitig bei vielen Arbeiten auf dem Hof und auf dem Feld.

Und auch deine Kinder helfen mit.


Dein Acker im Frühjahr

Wenn der Winter vorbei ist, beginnt die Feldarbeit.

Du spannst dein Pferd oder deine Kühe vor den Pflug.

Der Boden muss gewendet werden.

Danach kommt die Egge.

Du fährst immer wieder über das Feld, bis die Erde vorbereitet ist.

Dann säst du von Hand.

Du gehst über das Feld und wirfst das Saatgut mit einer gleichmäßigen Bewegung aus.

Heute würdest du dafür eine Maschine einsetzen.

Damals bist du selbst die Maschine.

Deine Arbeitskraft bestimmt, wie schnell du vorankommst.


Wenn du Ziegenbauer bist

Jetzt stell dir vor, du besitzt kaum Land.

Vielleicht kannst du dir keine Kuh leisten.

Dann kann eine Ziege für dich sehr wertvoll sein.

Sie braucht weniger Futter und weniger Platz als eine Kuh. Gleichzeitig gibt sie dir Milch.

Du hast vielleicht einen kleinen Garten und einige wenige Grundstücke.

Doch davon kannst du deine Familie nicht vollständig ernähren.

Deshalb arbeitest du zusätzlich.

Vielleicht gehst du zu einem größeren Bauern und hilfst dort.

Vielleicht arbeitest du im Wald.

Vielleicht verdienst du dein Geld als Handwerker oder Tagelöhner.

Deine Frau arbeitet ebenfalls.

Und deine Kinder helfen, sobald sie alt genug sind.

Du gehörst damit zur ärmeren Bevölkerung des Dorfes.

Aber du bist trotzdem Teil der Dorfgemeinschaft.


Wenn du Kleinbauer bist

Als Kleinbauer hast du es etwas besser.

Du besitzt mehrere Äcker und Wiesen.

Vielleicht hast du eine oder zwei Kühe, einige Schweine und Hühner.

Du kannst einen Teil deiner Lebensmittel selbst erzeugen.

Aber du bist noch weit davon entfernt, reich zu sein.

Wenn das Wetter schlecht ist und die Ernte ausfällt, spürst du die Folgen sofort.

Deshalb arbeitest du vielleicht zusätzlich außerhalb deines Hofes.

Du gehst morgens zur Arbeit und kümmerst dich abends um deine Tiere.

Oder du arbeitest bei einem größeren Bauern.

Deine Familie ist deine wichtigste Arbeitsmannschaft.

Wenn Heu gemacht werden muss, helfen alle.

Wenn Kartoffeln geerntet werden, hilft jeder, der Hände hat.


Wenn du ein größerer Bauer bist

Jetzt stell dir vor, du besitzt einen größeren Hof.

Du hast mehr Land.

Du hast mehr Vieh.

Du besitzt vielleicht mehrere Pferde und einen Wagen.

Deine Scheune ist größer.

Du kannst mehr produzieren.

Aber auch deine Arbeit ist umfangreicher.

Wenn die Ernte kommt, kannst du sie nicht mehr allein mit deiner Familie bewältigen.

Du brauchst zusätzliche Hände.

Dann kommen Tagelöhner, Kleinbauern, Jugendliche und Kinder.

Du bezahlst manche für ihre Arbeit, andere helfen vielleicht im Rahmen gegenseitiger Nachbarschaftshilfe.

Dein Hof hat dadurch eine besondere Bedeutung im Dorf.

Du bist Arbeitgeber und Kunde.

Der Schmied arbeitet für dich.

Der Wagner repariert deinen Wagen.

Der Sattler kümmert sich um das Geschirr.

Der Müller verarbeitet dein Getreide.

Du bist wirtschaftlich besser gestellt als der Ziegenbauer oder der Kleinbauer.

Grafik Der Leiterwagen, AI generated

Aber auch du bist auf andere angewiesen

Vielleicht glaubst du als größerer Bauer, dass du unabhängig bist.

Das stimmt nicht.

Wenn dein Wagen kaputtgeht, brauchst du den Wagner.

Wenn dein Pflug beschädigt ist, brauchst du den Schmied.

Wenn du zusätzliche Arbeitskräfte brauchst, brauchst du die Tagelöhner.

Wenn deine Ernte eingebracht werden muss, brauchst du viele Hände.

Und wenn ein Nachbar krank wird oder ein Unglück geschieht, kannst auch du auf die Dorfgemeinschaft angewiesen sein.

Das alte Niedernhausen funktioniert nur, weil jeder seine Aufgabe hat.


Dein Jahr beginnt im Winter

Stell dir deinen Jahresablauf vor.

Im Januar und Februar arbeitest du weniger auf dem Feld.

Aber dein Hof schläft nicht.

Du versorgst deine Tiere.

Du reparierst Werkzeuge.

Du flickst Zäune.

Du richtest Wagen und Geschirr her.

Du planst die kommende Aussaat.

Vielleicht arbeitest du im Wald.

Deine Frau verarbeitet Lebensmittel und kümmert sich um Haushalt, Kinder und Tiere.

Deine Kinder helfen ebenfalls.


Im März beginnt die Feldarbeit

Sobald der Boden es zulässt, gehst du wieder auf den Acker.

Du pflügst.

Du eggst.

Du säst.

Die Arbeit ist körperlich schwer.

Wenn du nur wenige Tiere besitzt, musst du besonders viel selbst erledigen.

Wenn du einen größeren Hof hast, kannst du mehrere Gespanne einsetzen.

Schon hier merkst du den Unterschied zwischen den Bauern.

Mehr Land bedeutet mehr Arbeit – aber auch mehr Möglichkeiten.


Im Mai und Juni musst du das Heu einbringen

Jetzt kommt die Heuernte.

Du gehst mit der Sense auf die Wiese.

Die Sense liegt schwer in der Hand.

Du setzt sie immer wieder an.

Nach einiger Zeit musst du sie schärfen.

Das Gras fällt in langen Bahnen zu Boden.

Dann kommen die anderen.

Mit Rechen und Gabeln wird das Gras gewendet.

Die Sonne soll es trocknen.

Aber du darfst das Wetter nicht aus den Augen lassen.

Wenn Regen kommt, kann die Arbeit zunichtegemacht werden.

Deshalb musst du das Heu möglichst schnell trocken bekommen.

Dann wird es auf den Wagen geladen und in die Scheune gebracht.

Wenn du ein größerer Bauer bist, brauchst du viele Helfer.

Wenn du Kleinbauer bist, hilft deine Familie.

Wenn du arm bist, kannst du vielleicht bei einem anderen Bauern gegen Lohn arbeiten.


Die Getreideernte – jetzt braucht dich jeder

Im Sommer wird es ernst.

Das Getreide ist reif.

Jetzt darfst du keine Zeit verlieren.

Du gehst mit der Sense auf das Feld.

Hinter dir arbeiten Frauen, Jugendliche und Kinder.

Das geschnittene Getreide muss aufgenommen und zu Garben gebunden werden.

Die Garben werden aufgestellt oder zum Trocknen ausgelegt.

Dann werden sie auf den Wagen geladen.

Der Wagen fährt zum Hof.

Dort beginnt die nächste Arbeit.

Früher war die Getreideernte ein Ereignis, das viele Menschen des Dorfes beschäftigte.

Wenn du einen großen Hof besitzt, brauchst du zusätzliche Arbeitskräfte.

Wenn du Kleinbauer bist, hilfst du vielleicht deinem Nachbarn und erwartest, dass er später bei dir hilft.

Wenn du Tagelöhner bist, kannst du in dieser Zeit zusätzlich Geld verdienen.


Und mittendrin: die Kinder

Wenn du ein Kind bist, bedeutet die Ernte auch für dich Arbeit.

Du musst nicht unbedingt eine Sense führen.

Aber du kannst Ähren sammeln.

Du kannst Garben zusammentragen.

Du kannst beim Rechen helfen.

Du kannst Wasser bringen.

Du kannst Kartoffeln lesen.

Du kannst Obst pflücken.

Du kannst Tiere hüten.

Und du kannst im Stall helfen.

In armen Familien bist du besonders wichtig.

Deine Mitarbeit hilft deiner Familie, über die Runden zu kommen.

Noch bis weit in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein bleibt diese Mithilfe auf den Bauernhöfen selbstverständlich.

Die Sommerferien bedeuten für dich nicht unbedingt Ferien im heutigen Sinne.

Wenn die Ernte ansteht, gehst du mit aufs Feld.


Schule oder Feldarbeit?

Wenn du in früheren Jahrhunderten in Niedernhausen lebst, kann die Schule mit der Landwirtschaft konkurrieren.

Eine lokale Darstellung der Geschichte der Dorfschule beschreibt ausdrücklich, dass arme Familien auf die Arbeitskraft ihrer Kinder angewiesen waren. Teilweise konnten Kinder deshalb nur während der Wintermonate regelmäßig unterrichtet werden.

Das bedeutet für dich als Kind:

Im Winter gehst du eher zur Schule.

Im Sommer wirst du auf dem Feld gebraucht.

Heute erscheint dir diese Vorstellung fremd.

Damals ist sie Teil des Alltags.

Grafik Kinder auf dem Feld, AI generated

Das Dreschen

Nach der Ernte ist die Arbeit noch lange nicht vorbei.

Du musst das Getreide dreschen.

Wenn du im 18. oder frühen 19. Jahrhundert lebst, nimmst du den Dreschflegel.

Du schlägst immer wieder auf die Getreidegarben.

Schlag für Schlag.

Stunde für Stunde.

Tag für Tag.

Das ist eine der schwersten Arbeiten des bäuerlichen Jahres.

Dann kommt die Dreschmaschine.

Für dich ist sie eine Revolution.

Eine Maschine erledigt in kurzer Zeit eine Arbeit, die früher viele Menschen über lange Zeit beschäftigt hat.

Aber die Maschine kostet Geld.

Wenn du ein großer Bauer bist, kannst du sie vielleicht anschaffen.

Wenn du Kleinbauer bist, musst du sie gemeinsam mit anderen nutzen oder für ihre Benutzung bezahlen.

Wenn du Ziegenbauer bist, bleibst du zunächst auf Handarbeit angewiesen.


1839 – dein Land wird neu geordnet

Wenn du 1839 in Niedernhausen lebst, geschieht etwas Wichtiges.

Niedernhausen gehört bis dahin zusammen mit Lichtenberg, Billings, Meßbach und Nonrod zur gemeinsamen Mark Waldhausen.

Dann wird diese gemeinsame Mark aufgeteilt.

Für dich bedeutet Land nicht nur Besitz.

Land bedeutet Weide.

Land bedeutet Holz.

Land bedeutet Futter.

Land bedeutet Nahrung.

Deshalb betrifft eine solche Neuordnung dein tägliches Leben unmittelbar.

Wer mehr Land besitzt, hat größere wirtschaftliche Möglichkeiten.

Wer wenig besitzt, bleibt abhängig von zusätzlicher Arbeit.


Um 1900 – deine Landwirtschaft wird moderner

Wenn du um 1900 Bauer in Niedernhausen bist, erkennst du deine Landwirtschaft noch wieder.

Du benutzt weiterhin die Sense.

Du pflügst mit dem Gespann.

Du fährst das Heu mit dem Wagen.

Aber neue Maschinen kommen hinzu.

Mähmaschinen erleichtern die Arbeit.

Dreschmaschinen verändern die Getreideverarbeitung.

Die Landwirtschaft wird effizienter.

Doch nicht jeder kann sich diese Entwicklung gleichermaßen leisten.

Der größere Bauer ist im Vorteil.

Er kann investieren.

Du als Kleinbauer musst rechnen.

Und wenn du nur wenige Grundstücke besitzt, lohnt sich manche Maschine für dich überhaupt nicht.

Grafik Dreschen im Odenwald, AI generated

Nach 1945 – plötzlich fährt der Traktor

Jetzt beginnt eine völlig neue Zeit.

Wenn du nach dem Zweiten Weltkrieg einen Traktor auf dem Feld siehst, weißt du: Die alte Landwirtschaft verändert sich.

Das Pferd verliert seine Bedeutung.

Der Traktor übernimmt die schwere Arbeit.

Du kannst schneller pflügen.

Du kannst größere Flächen bearbeiten.

Du kannst schwere Geräte ziehen.

Später kommen Mähwerke, Schwader, Ladewagen, Kartoffelroder und Rundballenpressen hinzu.

Die Heuernte, die früher eine große Gemeinschaftsarbeit war, wird zunehmend zur Maschinenarbeit.


Der Mähdrescher verändert die Getreideernte

Besonders eindrucksvoll ist der Mähdrescher.

Stell dir vor, du hast früher mit zehn oder zwanzig Menschen auf einem Feld gearbeitet.

Das Getreide wurde geschnitten.

Garben wurden gebunden.

Garben wurden transportiert.

Später wurde gedroschen.

Nun fährt eine einzige Maschine über das Feld.

Sie schneidet.

Sie drischt.

Sie trennt das Korn vom Stroh.

Und sie füllt das Getreide in den Transportwagen.

Für dich als Bauer ist das eine enorme Erleichterung.

Für das Dorf bedeutet es aber auch:

Du brauchst weniger Menschen.


Der Bauer wird Arbeitnehmer

Wenn du nur einen kleinen Hof besitzt, wird es immer schwieriger, allein von der Landwirtschaft zu leben.

Vielleicht gehst du deshalb morgens zur Arbeit.

Du arbeitest in einem Betrieb.

Vielleicht in Darmstadt oder einem anderen Ort.

Aber dein Hof bleibt.

Am Abend kommst du nach Hause.

Du fütterst die Tiere.

Du erledigst die Stallarbeit.

Am Wochenende mähst du.

Wenn die Ernte kommt, nimmst du Urlaub.

Du bist jetzt Nebenerwerbslandwirt.

Diese Form des Lebens prägt viele ländliche Regionen auch nach dem Zweiten Weltkrieg.


Der Ziegenbauer von früher verschwindet

Wenn du heute durch Niedernhausen gehst, wirst du kaum noch einen Menschen sehen, dessen wirtschaftliche Existenz an einer einzigen Ziege hängt.

Das liegt nicht daran, dass die Ziege plötzlich unwichtig geworden wäre.

Die Lebensbedingungen haben sich verändert.

Du kannst Milch im Laden kaufen.

Du hast ein regelmäßiges Einkommen.

Du brauchst deine eigene Ziege nicht mehr zur Sicherung der Ernährung.

Aus dem armen Ziegenhalter wird der Arbeiter oder Angestellte mit einem kleinen Grundstück.

Manche Familien behalten einen Teil ihres Landes.

Andere geben die Landwirtschaft ganz auf.


Deine Kinder haben jetzt eine andere Kindheit

Wenn du heute ein Kind in Niedernhausen bist, sieht dein Leben völlig anders aus.

Du gehst morgens zur Schule.

Du hast Hausaufgaben.

Du hast Freizeit.

Du bist vielleicht im Sportverein oder bei der Feuerwehr.

Du musst nicht mehr während der Getreideernte auf dem Feld arbeiten.

Wenn deine Eltern noch Landwirtschaft betreiben, hilfst du vielleicht freiwillig mit.

Aber du bist nicht mehr die notwendige Arbeitskraft, von der der Hof abhängt.

Das ist ein gewaltiger gesellschaftlicher Wandel.

Die Mechanisierung hat die Kinder nicht nur von körperlich schwerer Arbeit entlastet.

Sie hat ihnen eine andere Kindheit ermöglicht.


Niedernhausen heute

Wenn du heute über die Felder rund um Niedernhausen gehst, siehst du eine Landschaft, die von Jahrhunderten landwirtschaftlicher Nutzung geprägt wurde.

Die Gemeinde Fischbachtal weist rund 595 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche aus. Ein großer Teil der Gemeindefläche besteht außerdem aus Wald. (fischbachtal.de)

Die Landwirtschaft ist heute hoch mechanisiert.

Wo früher eine ganze Familie einen Tag lang mit der Sense gearbeitet hat, erledigt heute ein leistungsfähiges Mähwerk die Arbeit in kurzer Zeit.

Wo früher Kinder und Erwachsene gemeinsam Heu auf einen Wagen luden, wird heute häufig mit Maschinen gearbeitet.

Wo früher der Dreschflegel zum Alltag gehörte, fährt heute der Mähdrescher über das Feld.

Und wo früher fast jedes Haus irgendeinen Bezug zur Landwirtschaft hatte, gibt es heute nur noch vergleichsweise wenige landwirtschaftliche Betriebe.


Wenn du heute durch Niedernhausen gehst

Dann kannst du dir die Geschichte einmal anders vorstellen.

Schau auf eine Wiese.

Früher siehst du dort einen Bauern mit der Sense.

Hinter ihm arbeiten seine Frau und seine Kinder.

Ein Nachbar hilft.

Vielleicht sind auch Tagelöhner dabei.

Auf dem Hof wartet das Vieh.

In der Scheune wird später das Heu eingelagert.

Schau auf einen Acker.

Früher läuft dort ein Pferdegespann.

Der Bauer führt den Pflug.

Jahre später fährt dort ein Traktor.

Noch später ein großer Mähdrescher.

Und vielleicht steht heute ein modernes landwirtschaftliches Fahrzeug auf demselben Feld.

Die Landschaft sieht ähnlich aus.

Die Menschen, ihre Arbeit und ihr Leben haben sich jedoch vollkommen verändert.


Ein Dorf, viele Menschen – eine gemeinsame Landwirtschaft

Wenn du das alte Niedernhausen verstehen möchtest, darfst du nicht nur auf die Bauern schauen.

Du musst dir das ganze Dorf vorstellen.

Du bist vielleicht Ziegenhalter.

Dein Nachbar ist Kleinbauer.

Ein anderer besitzt einen größeren Hof.

Nebenan wohnt der Schmied.

Weiter hinten der Wagner.

Ein anderer arbeitet als Tagelöhner.

Und alle brauchen einander.

Der große Bauer braucht deine Arbeitskraft.

Du brauchst seinen Lohn.

Der Bauer braucht den Schmied.

Der Schmied braucht seine Kunden.

Der Kleinbauer braucht bei der Ernte Hilfe.

Der größere Bauer braucht ebenfalls zusätzliche Hände.

Die Kinder helfen ihren Eltern.

Die Frauen tragen einen großen Teil der täglichen Arbeit.

So entsteht eine Dorfgemeinschaft, die wirtschaftlich eng miteinander verflochten ist.


Was du aus dieser Geschichte mitnehmen kannst

Wenn du heute durch Niedernhausen gehst, siehst du vielleicht zunächst nur eine schöne Landschaft.

Aber wenn du genauer hinschaust, kannst du dir vorstellen, wie viel Arbeit in dieser Landschaft steckt.

Du siehst eine Wiese – und kannst dir vorstellen, wie dort früher mit der Sense gemäht wurde.

Du siehst einen alten Bauernhof – und kannst dir vorstellen, wie morgens die Tiere versorgt wurden.

Du siehst eine Scheune – und kannst dir vorstellen, wie dort Getreide gedroschen oder Heu eingelagert wurde.

Du siehst einen Acker – und kannst dir vorstellen, wie dort Kinder während der Ernte Ähren sammelten.

Du siehst einen modernen Traktor – und kannst erkennen, wie sehr sich die Landwirtschaft innerhalb weniger Generationen verändert hat.

Grafik Vom Dreschflegel zum GPS-Traktor, AI generated

Vom Dreschflegel zum GPS-Traktor

Wenn du die Entwicklung in wenigen Bildern zusammenfassen willst, kannst du dir diese Abfolge merken:

17. Jahrhundert:
Du arbeitest mit Hand und Tierkraft. Der Dreschflegel gehört zum Alltag.

18. Jahrhundert:
Du bewirtschaftest weiterhin mit einfachen Geräten kleine Flächen. Selbstversorgung bestimmt dein Leben.

19. Jahrhundert:
Du bekommst bessere Pflüge und landwirtschaftliche Geräte. Dreschmaschinen erleichtern die Arbeit.

Um 1900:
Du arbeitest noch mit Sense und Pferd, aber Mäh- und Dreschmaschinen halten Einzug.

Erste Hälfte des 20. Jahrhunderts:
Du erlebst den Übergang von Handarbeit zu mechanischer Unterstützung. Kinder helfen weiterhin bei der Ernte.

Nach 1945:
Der Traktor verändert deinen Hof. Pferde verlieren ihre Bedeutung.

Ab den 1950er und 1960er Jahren:
Du kannst immer mehr Arbeiten maschinell erledigen. Viele kleine Bauern werden Nebenerwerbslandwirte.

Spätes 20. Jahrhundert:
Der Mähdrescher und moderne Maschinen reduzieren den Bedarf an Arbeitskräften drastisch. Die traditionelle Erntegemeinschaft verschwindet.

Heute:
Du bewirtschaftest – wenn du noch Landwirt bist – mit leistungsfähigen Maschinen Flächen, für die deine Vorfahren sehr viele Arbeitskräfte benötigt hätten.


Wenn du die Landschaft verstehen willst

Wenn du heute in Niedernhausen auf einer Bank sitzt und über die Wiesen schaust, siehst du eine Landschaft, die ruhig und selbstverständlich wirkt.

Aber diese Landschaft erzählt eine Geschichte.

Du kannst dir den Ziegenbauer vorstellen, der morgens seine Ziege aus dem Stall holt.

Den Kleinbauern, der vor der Arbeit noch seine Kühe füttert.

Den größeren Bauern, der mit seinem Pferdegespann zum Feld fährt.

Die Frauen, die neben Haushalt und Kindererziehung bei der Ernte helfen.

Die Kinder, die Ähren sammeln, Kartoffeln lesen oder Heu zusammenrechen.

Den Tagelöhner, der während der Ernte auf dem Hof arbeitet.

Den Schmied, der den Pflug repariert.

Den Wagner, der einen neuen Wagen baut.

Und später den ersten Traktor, der die jahrhundertealte Arbeitswelt verändert.

So wird aus Landwirtschaft Dorfgeschichte.

Denn früher warst du, ganz gleich, welcher sozialen Schicht du angehörtest, unmittelbar mit der Landwirtschaft verbunden.

Du lebtest von ihr.

Du arbeitetest für sie.

Du warst auf sie angewiesen.

Und wenn die Ernte kam, wurde sichtbar, wie eng das ganze Dorf miteinander verbunden war.

Heute ist das anders.

Du kannst in Niedernhausen wohnen, ohne selbst Bauer zu sein.

Du kaufst dein Brot im Laden.

Du kaufst Milch und Gemüse.

Du gehst einer Arbeit außerhalb der Landwirtschaft nach.

Deine Kinder gehen zur Schule und müssen nicht mehr während der Ernte auf dem Feld helfen.

Die Landwirtschaft ist kleiner geworden.

Die Maschinen sind größer geworden.

Die Zahl der Menschen, die davon leben, ist geringer geworden.

Aber die Landschaft ist geblieben.

Und wenn du sie mit diesem Wissen betrachtest, siehst du in einer Wiese nicht mehr nur Gras.

Du siehst die Arbeit vieler Generationen.

Du siehst Niedernhausen – so, wie es einmal war und wie es durch die Landwirtschaft zu dem Ort geworden ist, den du heute kennst.

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