Die Füllhalterdreher in Niedernhausen und Umgebung

Wenn du heute an Schreibgeräte denkst, hast du vermutlich zuerst Kugelschreiber, Füller oder vielleicht einen Druckbleistift vor Augen. Dass hinter diesen alltäglichen Gegenständen eine lange handwerkliche Tradition steckt, die im Fischbachtal über viele Jahrzehnte hinweg zahlreichen Menschen Arbeit und Einkommen verschaffte, ist dagegen weit weniger bekannt.

Gerade in Niedernhausen und seiner näheren Umgebung entwickelte sich die Herstellung von Schreibgeräten zu einem bedeutenden Erwerbszweig. Füllfederhalter, Drehbleistifte und später – bis in die Gegenwart – auch Kugelschreiber wurden hier hergestellt. Dabei verband sich altes Dreherhandwerk mit neuen technischen Entwicklungen und einem wachsenden internationalen Markt.

Vom Holzspielzeug zum Schreibgerät

Die Geschichte dieser Entwicklung reicht vermutlich bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts zurück. Zu dieser Zeit verlor die traditionelle Herstellung von Holzspielzeug, die zuvor für viele Familien in der Region eine wichtige Einnahmequelle gewesen war, zunehmend an Bedeutung.

Ein bekanntes Beispiel dafür sind die sogenannten „Gäulchenmacher“, die hölzerne Spielzeugpferde und andere Spielwaren herstellten. In den 1930er Jahren gab es in Niedernhausen nur noch drei dieser „Gäulchenmacher“. Nach 1950 war dieses Handwerk schließlich weitgehend verschwunden.

Für einige der bisherigen Holzhandwerker bedeutete diese Entwicklung jedoch nicht das Ende ihrer beruflichen Tätigkeit. Ihr handwerkliches Können – insbesondere der Umgang mit der Drehbank und die Bearbeitung von Holz – ließ sich hervorragend auf ein neues Produkt übertragen: den Schreibgerätekörper.

So entstand nach und nach ein neuer Erwerbszweig. Aus den ehemaligen Holzspielzeugmachern wurden Dreher von Füllhaltern, Bleistiften und später Kugelschreibern. Das handwerkliche Wissen wurde weitergegeben und gleichzeitig an die technischen Anforderungen der modernen Schreibgerätefertigung angepasst.

Damit begann ein Kapitel der regionalen Wirtschaftsgeschichte, das Niedernhausen und das gesamte Fischbachtal über Jahrzehnte prägen sollte.


Eine kurze Geschichte des Füllfederhalters

Bevor wir uns den Betrieben in Niedernhausen und Umgebung widmen, lohnt sich ein Blick auf die Produkte, mit denen die Dreher ihr Geld verdienten.

Der Füllfederhalter, wie du ihn heute kennst, ist das Ergebnis einer langen technischen Entwicklung. Schon in der Antike gab es Versuche, Schreibgeräte mit Metallspitzen herzustellen. Häufig wird dabei auf die Römer verwiesen. Über viele Jahrhunderte setzte sich jedoch vor allem die Gänsefeder als Schreibwerkzeug durch.

Die Erfindung des Füllhalters, AI generated


Erst im 18. Jahrhundert gewannen Metallfedern wieder zunehmend an Bedeutung. Mitte des Jahrhunderts wurden Federhalter erstmals verstärkt aus Metall gefertigt. Die frühen Modelle besaßen teilweise bereits einen kleinen Tintenbehälter, allerdings war der Tintenfluss noch nicht zuverlässig steuerbar.

Ein wichtiger Schritt erfolgte im frühen 19. Jahrhundert. 1809 ließ Joseph Bramah einen mechanisch gefertigten Federhalter patentieren. Damit war die technische Entwicklung jedoch noch lange nicht abgeschlossen.

Entscheidend für den späteren Erfolg des Füllfederhalters war die Entwicklung eines zuverlässigen Tintenspeichers und einer Konstruktion, die einen möglichst gleichmäßigen Tintenfluss ermöglichte.

Als eigentlicher Erfinder des modernen Füllfederhalters gilt vielfach Lewis Edson Waterman. Der amerikanische Versicherungsvertreter soll 1884 einen entscheidenden Durchbruch bei der Entwicklung eines zuverlässig funktionierenden Füllers erzielt haben. Die Geschichte, wonach Waterman den Füllfederhalter an seinem Küchentisch entwickelte, gehört heute zu den bekanntesten Erzählungen rund um seine Erfindung.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts entwickelte sich der Füllfederhalter schließlich vom hochwertigen Schreibgerät zum Massenprodukt. Besonders in den 1930er Jahren setzte die industrielle Fertigung ein. Genau in diese Zeit fällt auch der Aufschwung der Schreibgeräteherstellung im Fischbachtal.

Die später weit verbreiteten Patronenfüller kamen erst Mitte des 20. Jahrhunderts auf den Markt. Sheaffer stellte 1955 ein entsprechendes System vor. Damit wurde das Befüllen des Füllers erheblich einfacher: Statt Tinte aus einem Glas aufzuziehen, musste lediglich eine fertige Tintenpatrone eingesetzt werden.

Für die Dreher im Fischbachtal bedeutete die zunehmende Verbreitung der Füllfederhalter einen enormen neuen Markt.


Der Kugelschreiber verändert die Welt des Schreibens

Noch tiefgreifender sollte später die Entwicklung des Kugelschreibers werden.

Das Prinzip ist eigentlich denkbar einfach: Eine kleine Kugel sitzt in der Spitze des Schreibgeräts. Beim Schreiben dreht sie sich und nimmt dabei Farbe aus der Mine auf, die sie anschließend auf das Papier überträgt.

Die Idee ist allerdings deutlich älter, als man zunächst vermuten würde. Bereits Galileo Galilei soll eine Skizze eines Schreibgerätes angefertigt haben, das dem Grundprinzip eines Kugelschreibers ähnelte.

Ein tatsächlich patentierter Vorläufer entstand jedoch erst viel später. John J. Loud erhielt 1888 ein amerikanisches Patent für ein Schreibgerät, das unter anderem zum Markieren von Leder geeignet war.

Auch der kroatische Erfinder Slavoljub Eduard Penkala beschäftigte sich Anfang des 20. Jahrhunderts mit entsprechenden Konstruktionen und ließ 1906 einen Vorläufer des modernen Kugelschreibers patentieren.

Den entscheidenden Schritt zum heutigen Kugelschreiber machten schließlich die Brüder László József Bíró und György Bíró. Nach langjähriger Entwicklungsarbeit entstand ein Schreibgerät mit einer schnell trocknenden Tinte und einem kleinen, rollenden Kügelchen an der Spitze.

Die Idee dazu soll László Bíró unter anderem beim Beobachten von Druckmaschinen gekommen sein. Die Druckwalze übertrug Farbe gleichmäßig auf Papier – ein Prinzip, das sich auf ein kleines Schreibgerät übertragen ließ.

1938 wurde in Ungarn ein entsprechendes Patent angemeldet. Später folgten weitere Patente, unter anderem in den USA und Argentinien. Nachdem Bíró 1940 nach Argentinien geflohen war, setzte er dort seine Arbeit fort.

Der eigentliche internationale Siegeszug des Kugelschreibers begann allerdings erst danach.

Der britische Geschäftsmann Henry George Martin erkannte, dass der Kugelschreiber insbesondere für Flugzeugbesatzungen interessant war. In großen Höhen funktionierten herkömmliche Füllfederhalter aufgrund des veränderten Luftdrucks nicht immer zuverlässig. Der Kugelschreiber dagegen konnte auch unter diesen Bedingungen eingesetzt werden, ohne dass Tinte auslief.

Martin erwarb die Rechte an Bírós Erfindung und gründete 1944 gemeinsam mit einem Partner in Reading die erste Kugelschreiberfabrik. Damit begann die industrielle Verbreitung eines Schreibgerätes, das den Alltag der Menschen nachhaltig verändern sollte.


Warum der Kugelschreiber nicht überall gleich heißt

Wenn du heute in Deutschland nach einem Kugelschreiber fragst, ist die Bezeichnung „Kuli“ wahrscheinlich die geläufigste. International sieht das allerdings ganz anders aus.

In Großbritannien wird der Kugelschreiber häufig als „biro“ bezeichnet – abgeleitet vom Namen Bíro.

In Frankreich hat sich dagegen der Begriff „Bic“ eingebürgert. Er geht auf den französischen Unternehmer Marcel Bich zurück, der den Kugelschreiber in großen Stückzahlen unter der Marke BIC vermarktete.

Und auch der deutsche Begriff „Kuli“ hat eine interessante Geschichte. Denn der sogenannte Tintenkuli wurde bereits 1928 von Rotring entwickelt. Dabei handelte es sich gerade nicht um einen Kugelschreiber. Statt einer Kugel besaß das Schreibgerät ein dünnes Röhrchen, das die Farbe auf das Papier brachte.

Als die ersten Kugelschreiber um 1950 auf den deutschen Markt kamen, waren sie noch ausgesprochen teuer. Preise von rund 20 DM waren damals keine Seltenheit.

Heute sieht die Welt völlig anders aus. Durch automatisierte Fertigung und riesige Produktionsmengen können einfache Kugelschreiber für wenige Cent hergestellt werden.

Und genau diese Entwicklung führte dazu, dass sich die Schreibgeräteindustrie auch im Fischbachtal weiter veränderte.


Zurück ins Fischbachtal

Kommen wir nun zu den Menschen und Unternehmen, die diese Entwicklung vor Ort geprägt haben.

Wenn du dich mit der Geschichte der Schreibgeräteherstellung in Niedernhausen beschäftigst, kommst du an einem Namen kaum vorbei:

Meisenbach.

Die beiden Meisenbach-Betriebe gehörten über viele Jahrzehnte zu den größten und bedeutendsten Unternehmen in Niedernhausen. Ihre Fabriken prägten das Ortsbild und waren für viele Familien in der Region wichtige Arbeitgeber.

Viele ältere Einwohner erinnern sich noch heute an die Sirene der Firma, die zu den Pausenzeiten ertönte und für die Beschäftigten weithin hörbar war. Sie gehörte gewissermaßen zum täglichen Klangbild des Ortes.

In den Fabriken wurden über viele Jahre hinweg Millionen von Schreibgeräten hergestellt. Was als handwerkliche Tätigkeit einzelner Dreher begonnen hatte, war längst zu einer industriellen Fertigung geworden.

Doch diese Entwicklung war nicht von Dauer.

Die Firma Georg Meisenbach musste schließlich Insolvenz anmelden. Das ehemalige Fabrikgebäude wurde 2006 vollständig abgetragen. Dort, wo einst Maschinen liefen und täglich zahlreiche Menschen ihrer Arbeit nachgingen, stehen heute Wohnhäuser.

Auch die Firma Karl Meisenbach wechselte im Laufe ihrer Geschichte mehrfach den Besitzer und wurde schließlich aufgelöst.

Die Produktionshallen verschwanden damit aus dem Ortsbild – die Geschichte der Unternehmen und der Menschen, die dort arbeiteten, blieb jedoch ein wichtiger Teil der Geschichte Niedernhausens.


Die Familie Meisenbach

Die Geschichte der Familie Meisenbach im Fischbachtal reicht deutlich weiter zurück als die eigentliche Schreibgeräteproduktion.

Ihre Spuren lassen sich zunächst nach Lichtenberg zurückverfolgen. Bereits im 18. Jahrhundert ist dort ein Johann Baltzer Maysenbach als Amtsbote nachgewiesen.

Auch die Verbindung zum Dreherhandwerk reicht weit zurück. Johann Christian Meisenbach (1734–1800) wird bereits als Dreher in Niedernhausen erwähnt.

Die beiden Männer, die später die beiden großen Meisenbach-Unternehmen begründeten, waren Brüder und Söhne des Drehermeisters Georg Meisenbach II.

Georg Meisenbach

Georg Meisenbach III. übernahm das elterliche Anwesen in der Darmstädter Straße 30 in Niedernhausen. Das Gebäude befindet sich heute in Privatbesitz einer anderen Familie.

Georg arbeitete zunächst als Dreher und entwickelte daraus schließlich einen eigenen Betrieb. Seine Schreibgeräte wurden unter dem Namen „Gent“ vertrieben.

Karl Meisenbach

Sein Bruder Karl Meisenbach heiratete in die Familie des Drehermeisters Johann Adam Becker II. ein und trat in dessen Werkstatt ein.

Adam Becker hatte seine Werkstatt am 1. Oktober 1880 gegründet. Dieses Datum gilt heute als Gründungsdatum der späteren Firma Karl Meisenbach.

Das Anwesen und die ursprüngliche Fabrik befanden sich dort, wo heute das Anwesen Schnurrgasse 5 in Niedernhausen zu finden ist.

Die Firma Karl Meisenbach vertrieb ihre Produkte später unter anderem unter dem Namen „Romus“.

Beide Brüder bauten ihre Unternehmen weiter aus und errichteten schließlich größere Fabrikanlagen außerhalb ihrer ursprünglichen Werkstätten.

So wurde aus kleinen handwerklichen Werkstätten ein bedeutender Industriezweig.


Die Firma Peter Muth in Lichtenberg

Nicht nur Niedernhausen entwickelte sich zu einem Zentrum der Schreibgeräteherstellung.

Auch in Lichtenberg entstand ein größerer Betrieb: die Firma Peter Muth, die von 1906 bis 1945 bestand.

Die ursprüngliche Werkstatt befand sich zunächst am Aufgang zum Bollwerk. Später wurde ein neuer Betrieb außerhalb des Ortes errichtet, zwischen Niedernhausen und Lichtenberg.

Wenn du heute von Niedernhausen über die Hindenburgstraße nach Lichtenberg fährst, findest du das ehemalige Betriebsgelände an der Abzweigung zum Schwimmbad rechts im Bereich der Kurve.

Auch dieser Standort erinnert daran, wie stark die Region einst vom Dreher- und Schreibgerätehandwerk geprägt war.


Von Niedernhausen nach Groß-Bieberau: Merz + Krell

Bei einem Blick auf die Geschichte der Schreibgeräteherstellung im Fischbachtal darf schließlich ein Unternehmen nicht fehlen, das bis heute mit dieser Tradition verbunden ist: Merz + Krell im benachbarten Groß-Bieberau.

Auch hier führt die Geschichte zurück nach Niedernhausen.

Der Gründer Justus Krell (1891–1972) stammte aus dem Haus Nonroder Straße 5 in Niedernhausen. Wenn du heute in Richtung Nonrod fährst, liegt das Gebäude direkt hinter der Brücke auf der rechten Seite.

Sein Vater war der Nagelschmiedemeister Johann Leonhard Krell II. (1863–1949).

Der Überlieferung nach soll Justus Krell bereits im Elternhaus erste Erfahrungen an einer Drehbank gesammelt haben. Damit schließt sich erneut der Kreis zum traditionellen Handwerk der Region.

Im Jahr 1920 gründete Justus Krell gemeinsam mit Friedrich und Georg Merz aus Rodau die Firma Merz + Krell in Groß-Bieberau.

Das Unternehmen entwickelte sich im Laufe der folgenden Jahrzehnte zu einem bedeutenden Hersteller von Schreibgeräten und machte sich weit über die Region hinaus einen Namen.

Die Entwicklung zeigt eindrucksvoll, wie aus dem traditionellen Dreherhandwerk eine moderne Industrie entstehen konnte. Was einst mit kleinen Werkstätten und handwerklicher Einzelarbeit begann, wurde zu einer hochautomatisierten Produktion.

Unter der Marke Senator werden Schreibgeräte heute international vertrieben.

Damit ist die Geschichte der Schreibgeräteherstellung im Odenwald keineswegs nur Vergangenheit. Sie hat sich vielmehr weiterentwickelt und ist bis heute Teil der industriellen Tradition der Region.


Ein vergessenes Stück Industriegeschichte

Wenn du heute durch Niedernhausen, Lichtenberg oder die umliegenden Orte gehst, wirst du nur noch wenige sichtbare Hinweise auf diese Geschichte finden.

Fabrikhallen wurden abgerissen, Unternehmen geschlossen oder verkauft und frühere Werkstätten zu Wohnhäusern umgebaut. Die Sirene der Meisenbach-Fabrik ist verstummt, und die Geräusche der Drehbänke gehören längst nicht mehr zum Alltag des Ortes.

Und doch haben diese Betriebe den Fischbachtalern über Generationen Arbeit gegeben.

Hinter jedem Füllhalter, jedem Drehbleistift und später jedem Kugelschreiber standen Menschen, die Holz, Metall und andere Materialien mit handwerklichem Geschick bearbeiteten. Sie bedienten Drehbänke, richteten Maschinen ein, kontrollierten Maße und Oberflächen, montierten Einzelteile und sorgten dafür, dass aus vielen kleinen Komponenten ein fertiges Schreibgerät wurde.

Dabei zeigt sich eine bemerkenswerte Entwicklung:

Aus dem traditionellen Holzhandwerk wurde Dreherhandwerk – aus dem Dreherhandwerk entstand die Schreibgeräteindustrie.

Die Geschichte der Füllhalterdreher ist deshalb weit mehr als eine Geschichte einzelner Fabriken. Sie erzählt von der Anpassungsfähigkeit einer Region, von handwerklicher Tradition, technischem Fortschritt und dem wirtschaftlichen Wandel eines ganzen Tales.

Wenn du heute einen alten Füllhalter, einen Drehbleistift oder einen historischen Kugelschreiber aus Niedernhausen in den Händen hältst, hältst du damit möglicherweise ein kleines Stück dieser regionalen Industriegeschichte in der Hand.

Und genau deshalb lohnt es sich, die Geschichte der „Füllhalterdreher in Niedernhausen und Umgebung“ zu bewahren und weiterzuerzählen.

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