Die St.-Jost-Kapelle bei Niedernhausen
Ein vergessener Ort mitten im Wald
Wenn Du heute durch den Wald zwischen Niedernhausen und Groß-Bieberau wanderst, kannst Du an einem unscheinbaren Ort auf Spuren einer längst vergangenen Geschichte stoßen.
In der Gemarkung Niedernhausen, zwischen den Waldabteilungen Strieth und Hardt und der Gemarkungsgrenze zu Groß-Bieberau, liegt ein Flurstück mit dem Namen „Jostwiesen“.
Der Name ist bis heute erhalten geblieben – und erinnert möglicherweise an eine Kapelle, die hier vor Jahrhunderten gestanden hat.
Doch was genau befand sich hier? Wann wurde die Kapelle errichtet? Und warum wurde sie ausgerechnet an diesem abgelegenen Ort im Wald gebaut?
Der Weg zu den Jostwiesen
Wenn Du Dich von Niedernhausen aus auf den Weg machst, führt Dich Dein Weg zunächst durch die sogenannten „Teichäcker“ unterhalb des Seeberges.
Schon der Name lässt vermuten, dass es hier früher einmal ein Gewässer gegeben haben könnte – vermutlich einen Teich oder einen kleinen See.
Mit etwas Fantasie kannst Du im Gelände sogar noch den Verlauf eines ehemaligen Dammes erahnen. Wann dieser möglicherweise herrschaftliche Teich angelegt und wieder aufgegeben wurde, ist bislang nicht bekannt.
Vielleicht handelt es sich dabei sogar um jenes Gewässer, das in älteren Unterlagen gelegentlich als „Jostsee“ bezeichnet wird.
Der Weg führt Dich anschließend an einem stillgelegten Steinbruch vorbei, der im Volksmund „Kieskaut“ genannt wurde. Danach kommst Du an zwei Fischteichen vorbei, die auf der rechten Seite des Weges liegen.
Nun geht es weiter in den Wald. Du hältst Dich zunächst geradeaus und nimmst an der nächsten Wegegabelung den linken Weg. Kurz darauf zweigt rechts ein weiterer Weg ab.
Hier bist Du am Ziel.
Ein geheimnisvoller Ort
Wenn Du hier ankommst, wirkt der Ort ein wenig geheimnisvoll.
Du stehst in einer kleinen Senke zwischen bewaldeten Erhebungen. Vor Dir befindet sich eine kleine Schutzhütte, die nach dem ehemaligen Niedernhäuser Lehrer Ludwig Oldendorff benannt ist.
Doch wenn Du genauer hinschaust, entdeckst Du noch mehr:
einen Altar, ein Steinkreuz und eine kleine Wiesenfläche.
Auf den ersten Blick könnte man meinen, hier habe einmal eine Kirche gestanden.
Und tatsächlich:
Hier stand vermutlich eine Kapelle.
Der Altar ist der frühere Altar der Johannes-der-Täufer-Kirche in Niedernhausen. Bei der Renovierung der Kirche im Jahr 1989 wurde er durch einen neuen Altar ersetzt. Heute dient er an diesem geschichtsträchtigen Ort wieder kirchlichen Zwecken.
Das Steinkreuz erinnert an die ehemalige Kapelle.
Die im Gelände ausgelegten Steine sollen ihren früheren Standort sichtbar machen. Ob sie tatsächlich exakt den ursprünglichen Grundriss markieren, ist allerdings bislang nicht abschließend geklärt.
Die St.-Jost-Kapelle
Eine Kapelle voller Fragen
Eine Kapelle?
Wo genau stand sie?
Wann wurde sie errichtet?
Wer hat sie gebaut?
Und warum gerade hier mitten im Wald?
Viele Fragen sind bis heute offen.
Nach allgemeiner Überlieferung stand an dieser Stelle einst eine Kapelle, die dem heiligen Jost, auch St. Jodokus oder Jodok genannt, geweiht war.
Wo genau das Gebäude stand und ob die heute ausgelegten Steine tatsächlich seinen ursprünglichen Standort markieren, müsste durch genauere und moderne Untersuchungen geklärt werden.
Auch über das genaue Aussehen und die Bauzeit der Kapelle wissen wir nur wenig.
Eine sehr alte Geschichte
Möglicherweise steht die Kapelle in Zusammenhang mit der frühen Geschichte von Niedernhausen, das früher auch einfach „Hausen“ genannt wurde.
Hausen wird erstmals 1256 urkundlich erwähnt, dürfte aber wahrscheinlich wesentlich älter sein.
Die älteste bislang bekannte Überlieferung, die mit der St.-Jost-Kapelle in Verbindung gebracht wird, stammt aus einer Kellereirechnung von Lichtenberg aus dem Jahr 1436.
Darin werden fünf Schillinge erwähnt, die von der St.-Jost-Wiese anfielen.
Ob die Kapelle zu diesem Zeitpunkt noch als Gebäude bestand oder bereits aufgegeben beziehungsweise abgebrochen war, lässt sich daraus allerdings nicht erkennen.
1557: Die Kapelle war bereits abgebrochen
Deutlich wird die Situation in einer Quelle aus dem Jahr 1557.
Im Kompetenzbuch des Darmstädter Superintendenten Peter Voltzius wird eine Kapelle „zu St. Jost bei Lichtenberg im Wald“ erwähnt. Gleichzeitig heißt es dort, dass diese Kapelle bereits abgebrochen sei.
Damit steht zumindest fest:
Mitte des 16. Jahrhunderts existierte die Kapelle offenbar nicht mehr.
Ihre ehemaligen Einkünfte und Grundstücke bestanden jedoch weiterhin. Unter anderem wurden daraus Abgaben an das Hospital in Hofheim, das heutige Philipps-Hospital, geleistet.
Auch eine weitere interessante Verbindung wird in diesem Zusammenhang erwähnt.
Bereits am 19. Juni 1541 wurde beurkundet, dass Landgraf Philipp der Großmütige die Einkünfte des St.-Josten-Altars in Lichtenberg dem Hospital zukommen ließ.
Außerdem wird eine Behausung und Hofstatt zu Hausen erwähnt, die früher vom Kaplan zu Lichtenberg genutzt worden war. Da das Gebäude inzwischen baufällig geworden war, wurde es zugunsten des Spitals an den Lichtenberger Keller Hans Schaller verkauft.
Vielleicht war die Kapelle zu diesem Zeitpunkt einfach nicht mehr notwendig. Gottesdienste konnten in der Michaelskirche in Groß-Bieberau oder in der St.-Peter-Kapelle im Schloss Lichtenberg besucht werden.
Was geschah mit der Kapelle?
Die letzten Spuren
Nach den Überlieferungen wurden die letzten Reste der Kapelle im Jahr 1818 abgebrochen.
Der Heimatforscher Justin Wagner berichtet in seinem Werk „Die Wüstungen im Großherzogtum Hessen“ von 1862 über diesen Abbruch.
Dabei sollen sehr große Knochen in Höhlungen gefunden worden sein. Nach der überlieferten Darstellung zerfielen diese jedoch unmittelbar zu Staub.
Außerdem soll zu diesem Zeitpunkt noch ein Torbogen vorhanden gewesen sein.
Die Steine der ehemaligen Kapelle sollen anschließend in verschiedene Gebäude in Niedernhausen verbaut worden sein.
Genannt werden unter anderem die Hofreiten:
- „Daawe“ – der heutige Hof der Familie Pollack in Richtung Nonrod,
- „Martins“ – an der Hauptstraße gegenüber der Bushaltestelle Schnurrgasse,
- die „Mühle“ – die ehemalige Niedernhäuser Mühle, von Groß-Bieberau kommend unmittelbar hinter der denkmalgeschützten alten Fischbachbrücke auf der linken Seite.
Ein Mühlstein erinnert dort noch heute an die frühere Mühle.
Wer war eigentlich St. Jost?
Ein Heiliger als Namensgeber
Wenn Du verstehen möchtest, warum eine Kapelle an diesem abgelegenen Ort den Namen St. Jost trug, lohnt sich ein Blick auf die Person, der sie gewidmet war.
Jodokus, auch Jost oder Jodok genannt, soll nach der Überlieferung ein bretonischer Prinz gewesen sein. Angeblich wurde er um 620 in Gael in der Bretagne geboren und war ein Sohn des Königs Juthael.
Sein älterer Bruder Judicael trat in ein Kloster ein. Auch Jodokus verzichtete auf die ihm zugedachte Herrschaft. Der Überlieferung nach floh er, um nicht den Thron besteigen zu müssen.
Um das Jahr 640 soll er seine Krone niedergelegt haben. An der Stelle, an der sie zu Boden fiel, soll eine Quelle entsprungen sein.
Vom Prinzen zum Einsiedler
Jodokus wurde Priester im Dienst von Haymon, dem Herzog von Ponthieu.
Anschließend lebte er acht Jahre als Einsiedler in Brahic. Ab 652 war er dreizehn Jahre lang Priester in Runiac in der Picardie.
Im Jahr 665 gründete er dort eine Einsiedelei. Sie gilt als Keimzelle der später nach ihm benannten Benediktinerabtei Saint-Josse-sur-Mer.
In seinen späteren Lebensjahren soll Jodokus nach Rom gepilgert sein. Nach seiner Rückkehr lebte er wieder als Einsiedler.
Er starb vermutlich um 670; meist wird das Jahr 669 genannt, daneben finden sich auch die Jahre 668 und 675.
Die Legenden um Jodokus
Wie bei vielen Heiligen haben sich auch um Jodokus zahlreiche Legenden entwickelt.
So wird erzählt, dass seine Einsiedelei von einem Fluss umgeben gewesen sei. Die Fische und Vögel, die er fütterte, seien zutraulich geworden.
Dreimal soll Christus ihm in Gestalt eines Bettlers erschienen sein. Jedes Mal teilte Jodokus sein Brot mit ihm, bis nichts mehr übrig war. Danach habe er durch sein Fenster Schiffe mit neuen Lebensmitteln ankommen sehen.
Schon um 800 n. Chr. soll in anonymen Schriften über das Leben und Wirken des Jodokus berichtet worden sein.
Seine Verehrung gelangte durch die Gebetsbruderschaften der Benediktiner schon früh in den deutschsprachigen Raum. Als Beispiel wird das Benediktinerkloster St. Maximin in Trier genannt.
Jodokus – Schutzpatron der Pilger
Der Überlieferung nach gelangten die sterblichen Überreste des Jodokus im frühen 9. Jahrhundert nach England. Viele Jahrzehnte später sollen sie in der Abtei Hyde wiederentdeckt und am 25. Juli 977 nach Saint-Josse-sur-Mer übertragen worden sein.
Der Ort entwickelte sich dadurch zu einem bedeutenden Wallfahrts- und Pilgerort.
Jodokus gilt unter anderem als Schutzpatron der Pilger, Reisenden und Schiffer sowie als Helfer gegen Fieber und Pest. Auch Bäcker, Blinde und Kranke werden mit seiner Verehrung in Verbindung gebracht.
Entlang alter Pilgerwege wurden deshalb zahlreiche Kirchen, Kapellen und insbesondere Hospitäler dem heiligen Jodokus geweiht.
Warum mitten im Wald?
Das größte Rätsel der Jostkapelle
Und nun stellt sich die vielleicht spannendste Frage:
Warum wurde die Kapelle so weit außerhalb von Niedernhausen errichtet?
Eine eindeutige Antwort gibt es bisher nicht.
Wenn Du die Geschichte des heiligen Jodokus betrachtest, erscheint allerdings eine Möglichkeit interessant:
Vielleicht befand sich hier ursprünglich eine Einsiedelei.
Auch eine Verbindung zu alten Verkehrs- und Pilgerwegen wäre denkbar. Wer durch die damals wesentlich einsameren Wälder unterwegs war, hätte hier in der Nähe von Hausen und Lichtenberg einen Ort für eine spirituelle Einkehr gefunden.
In der mündlichen Überlieferung der älteren Niedernhäuser Bevölkerung ist tatsächlich die Geschichte eines Einsiedlers, der einst hier gelebt haben soll, erhalten geblieben.
Auch in der Schule wurde diese Geschichte früher erzählt.
Ob und wann tatsächlich ein Einsiedler an diesem Ort gelebt hat, lässt sich heute allerdings nicht mehr feststellen.
Eine kleine Wallfahrtskapelle?
Vielleicht handelte es sich bei der St.-Jost-Kapelle auch um eine kleine Wallfahrtskapelle, deren ursprüngliche Bedeutung im Laufe der Jahrhunderte in Vergessenheit geraten ist.
Denn für eine gewöhnliche Dorfkirche wäre die Lage ungewöhnlich gewesen.
Warum hätte man eine Kapelle für den alltäglichen Gottesdienst so weit außerhalb von Niedernhausen errichten sollen, wenn man sie genauso gut im Ort hätte bauen können?
Das damalige Niedernhausen – oder Hausen – dürfte in seinen frühen Jahren ohnehin nur aus wenigen Höfen bestanden haben, vermutlich im Bereich des heutigen Unterdorfes zwischen der heutigen Kirche und der ehemaligen Mühle.
Und mit der Michaelskirche in Groß-Bieberau bestand bereits seit langer Zeit eine übergeordnete Kirche.
Die Lage der St.-Jost-Kapelle bleibt deshalb eines der großen Rätsel dieses Ortes.
Ein Ort zwischen Geschichte und Überlieferung
Wenn Du heute an den Jostwiesen stehst, siehst Du auf den ersten Blick vielleicht nur Wald, eine kleine Wiese, eine Schutzhütte, ein Kreuz und einige Steine.
Doch dieser unscheinbare Ort erzählt eine erstaunlich lange Geschichte:
Von einer möglichen Einsiedelei über eine Kapelle des heiligen Jodokus bis hin zu den letzten baulichen Resten, die vielleicht in Häusern von Niedernhausen weiterleben.
Vieles davon ist durch historische Quellen belegt, anderes beruht auf Überlieferungen und Vermutungen.
Gerade das macht den Ort so spannend.
Was genau hier einst stand, wer hier betete und warum die Kapelle ausgerechnet an diesem abgelegenen Platz errichtet wurde, bleibt vorerst offen.
Vielleicht bringen zukünftige archäologische oder historische Untersuchungen weitere Antworten.
Ein letzter Blick zurück
Wenn Du heute über die Jostwiesen wanderst, kannst Du Dir vielleicht vorstellen, wie anders diese Landschaft vor Jahrhunderten ausgesehen haben muss.
Kein dichtes Wegenetz, keine modernen Häuser und Straßen – stattdessen Wald, Feldwege und eine kleine Kapelle, die dem heiligen Jodokus gewidmet war.
Und vielleicht begegnet Dir bei Deinem nächsten Besuch sogar der Gedanke, dass unter Deinen Füßen noch immer Spuren dieser längst vergangenen Zeit verborgen liegen.
Direkt gegenüber dem ehemaligen Kapellenstandort befand sich übrigens noch im 20. Jahrhundert ein kleiner Steinbruch.
Auch er ist heute ein Teil dieser vielschichtigen Geschichte.


